Alpbach. Ob im Smartphone oder beim Online-Einkauf, ob im Börsenhandel oder beim Autofahren: Künstliche Intelligenz bietet die Freiheit, viele Dinge gleichzeitig und schnell zu erledigen. Doch wie wollen wir verhindern, dass Algorithmen uns überwachsen und kontrollieren? Für Jean-Pierre Bourguignon, den Präsidenten des Europäischen Forschungsrats (ERC), sind Freiheit und Sicherheit kein Widerspruch, die Kreativität beim Menschen sei aber von der Kreativität beim Roboter zu unterscheiden.

"Wiener Zeitung": Das Internet bietet freien, unbürokratischen Zugang zu Information, aber die Sicherheit, dass unsere Daten unsere bleiben, haben wir nicht: Jedes Unternehmen, dessen Dienste wir in Anspruch nehmen, besitzt persönliche Information über uns. Wie ist der Konflikt zu lösen?

Jean-Pierre Bourguignon: Information ist ja nichts Immaterielles, sondern ein Signal, das irgendwo hingeschickt wird. Die Frage ist, wo das Signal gespeichert wird, wer darauf Zugriff hat und wer es verändern kann und zu welchem Zweck. Können wir Protokolle so entwickeln, dass nur jene zugreifen können, denen die Information gehört? Darum geht es und es ist ein mögliches Thema der Forschung. Die zweite Frage ist eine der Bildung: Verhalten wir uns als User so, dass es für Unbefugte ein Leichtes ist, an unsere Informationen zu kommen, oder bewegen wir uns im Netz so, dass wir uns davor schützen? Nur was wir verstehen, können wir willentlich annehmen oder ablehnen. Solche Sorgen müssen sehr früh in der Erziehung vorgebracht werden.

Wie meinen Sie das? User werden permanent gefragt, ob sie der Verwendung von Cookies zustimmen, nur damit Firmen ihnen Werbung schicken können. Man bräuchte zwei Leben, um alle Klauseln zu studieren, zu denen man ja sagt.

Das ist eine große Herausforderung. Derzeit ist es im Internet so, dass man klickt, ohne die Konsequenzen dieser Formalitäten zu kennen. Es gibt unheimlich viel Information, aber wie filtert man aus dieser Flut jene Teile heraus, die für einen selbst bedeutsam sind, und von denen man meint, dass sie eine Qualität haben, der man vertraut und die unsere Aufmerksamkeit verdient? Natürlich ist es schwierig, sich zurechtzufinden, denn im Moment scheint alles gleich: Mist wird einem mit derselben Priorität präsentiert wie wertvolle Information.

Jean-Pierre Bourguignon geboren am 21. Juli 1947 in Lyon, ist ein französischer Mathematiker. Er studierte ab 1966 an der École polytechnique und wurde 1974 an der Universität Paris promoviert. Seit 2014 ist er Präsident des Europäischen Forschungsrats (ERC), der hoch dotierte Förderpreise für Top-Wissenschafter vergibt, und damit Herr über das europäische Budget für Spitzen-Grundlagenforschung. Bei den Technologiegesprächen des Forum Alpbach leitete er zwei Panels zu den Themen "Künstliche Intelligenz und Robotik" und "Künstliche Intelligenz und Cybersecurity". - © Barande Jérémy /EP.
Jean-Pierre Bourguignon geboren am 21. Juli 1947 in Lyon, ist ein französischer Mathematiker. Er studierte ab 1966 an der École polytechnique und wurde 1974 an der Universität Paris promoviert. Seit 2014 ist er Präsident des Europäischen Forschungsrats (ERC), der hoch dotierte Förderpreise für Top-Wissenschafter vergibt, und damit Herr über das europäische Budget für Spitzen-Grundlagenforschung. Bei den Technologiegesprächen des Forum Alpbach leitete er zwei Panels zu den Themen "Künstliche Intelligenz und Robotik" und "Künstliche Intelligenz und Cybersecurity". - © Barande Jérémy /EP.

Roboter verrichten heute Routine-Arbeiten. Welche Durchbrüche in der Grundlagenforschung müssen passieren, damit sie mehr können und sich flexibel an Menschen anpassen?

In der Forschung müssen wir unterscheiden, was Kreativität beim Menschen und was Kreativität beim Roboter ausmacht. Natürlich sind die Fähigkeiten von Künstlicher Intelligenz alles andere als trivial, aber sie sind keineswegs mit den menschlichen Fähigkeiten vergleichbar. Maschinen lernen mit Hilfe von massiven Datenmengen: Je mehr Daten sie vergleichen können, desto "gescheiter" werden sie. Etwas radikal Neues stößt die Roboter vor den Kopf. Menschen hingegen sind richtig gut darin, neue, noch nie gesehene Situationen schnell zu begreifen. Wenn die Roboter flexibler werden sollen, müssen wir diese Unterschiede besser verstehen.