Wien/Alpbach. Wer weiß, wie genau ein TV-Beitrag technisch entsteht, der weiß auch: "Realität" ist ein relativer Begriff. Technisch ist so gut wie alles möglich: Schnittbilder, in denen keine sich bewegenden Fahrzeuge oder Menschen zu sehen sind, können rückwärts abgespielt werden, wenn der Kameraschwenk so besser auf das nächste Bild passt, für das Auge sind diese kurzen Sequenzen meist viel zu schnell, als dass es den Trick erkennen könnte. Bilder können "aufgeblasen" werden, sodass nur mehr ein bestimmter Ausschnitt zu sehen ist oder ein Objekt oder eine Person größer erscheint. Von Licht und Helligkeit und von den Atmosphäre-Tonspuren ganz zu schweigen. Rein technisch gesehen ist Fernsehen eine große Lüge.

Das ist es aber - zumindest was öffentlich-rechtliche Anstalten angeht - mitnichten. Der Objektivitätsanspruch im TV-Journalismus ergibt sich durch einen verantwortungsvollen Umgang mit technischen Möglichkeiten am Schnittplatz, aus einer soliden Recherche und Ausgewogenheit. Dass auch Bilder, vor allem audiovisuelle Medien und hier vor allem das TV, "lügen" können und ebenso Konstrukte sind, die eine gewollte oder ungewollte Wirkungsdynamik entfalten, ist keine neue Kritik. Als aber vor über einem Jahr auf dem progressiven Nachrichtenportal BuzzFeed plötzlich ein Video mit Barack Obama auftauchte, in dem er seinen Nachfolger Donald Trump als "kompletten Vollidioten" bezeichnet und vor einer "neuen Ära" warnt, in der "unsere Gegner es schaffen können, jeden jederzeit alles Mögliche sagen zu lassen", veränderte dies den Diskurs über die Glaubwürdigkeit audiovisueller Berichterstattung grundlegend. Sogenannte "Deep Fakes", Produkte von künstlich intelligenter Software, ermöglichen es politischen Akteuren, Fälschungen zu verbreiten, die optisch und akustisch praktisch nicht mehr von echten Aufnahmen zu unterscheiden sind. Erste Adresse für das Einspeisen von gefälschten Nachrichten, Bildern, Videos und Erzählungen ist seit langem das Internet.

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© Getty/Clemens Schüssler

Dort sind "alternative Fakten" und "Fake News" - damit bezeichnete Donald Trump eigentlich ursprünglich ihm missliebige seriöse Berichterstattung - seit vielen Jahren anzutreffen, sagt Jacob Davey. Der Projektmanager am renommierten Londoner Institute for Strategic Dialogue (ISD) leitet dort die Forschungen in den Bereichen extreme Rechte und Hate Crime. In den aktuell laufenden Projekten arbeitet Davey vor allem an Deradikalisierung von Rechtsextremen im Internet und hat einen tiefen Einblick in die Funktionsweise der verschiedenen Szeneausprägungen, von der sogenannten Alt Right über die Identitären bis hin in den klassischen Rechtsextremismus - und vor allem deren Online-Taktiken.