Das Österreich des Jahres 1945 unterschied sich stark von dem wohlhabenden Staat, als den man das Land heute kennt. Vom Tausendjährigen Reich waren Ruinen geblieben, und zu den größten Sorgen der Bevölkerung gehörte die Beschaffung von Nahrungsmitteln für den täglichen Bedarf. Außerdem war die politische Lage unklar und unter den Siegermächten zeigten sich neue Konfliktlinien, die später zum Kalten Krieg führen würden.

In dieser Atmosphäre trafen einander im Mai des Jahres 1945 im zerstörten Wien zwei alte Bekannte: Otto Molden und Simon Moser, die sich rasch in dem Punkt einig waren, dass es notwendig sei, die "Sammlung einer geistigen und politischen Elite" voranzutreiben, wie die Historikerin Maria Wirth aus den Schriften Otto Moldens zitiert.

Die Persönlichkeiten der beiden Gründer sind charakteristisch für den Beginn des "Forum Alpbach". Otto Molden (1918-2002), Sohn von Ernst Molden und Bruder von Fritz Molden, war seit dem Bürgerkriegsjahr 1934 Mitglied der Vaterländischen Front und Mitbegründer des "Grauen Freikorps", einer Organisation, die "große Kriegsspiele" abhielt, wie es in den autobiografischen Notizen heißt. 1938 wurde er von den Nationalsozialisten verhaftet und meldete sich später zur Wehrmacht. Im März 1945, kurz vor Kriegsende, desertierte er und stand in Kontakt mit der Widerstandgruppe O5. Danach führte er, wie Maria Wirth darlegt, "das Oberste Leitungsamt der Österreichischen Widerstandsbewegung für die von den westlichen Alliierten besetzten Gebiete".

Simon Moser (1901-1988), Privatdozent für Philosophie, war ebenfalls im Jahr 1934 der Vaterländischen Front beigetreten und dort unter anderem in führenden Funktionen für "weltanschauliche und staatsbürgerliche Erziehung" zuständig. Im Jänner 1940 wurde er Mitglied der NSDAP und war in späteren Jahren als Fotoberichterstatter für die Tiroler Gebirgsjäger zuständig. Damals entstand auch der Bildband "Das Land in den Bergen – Vom Wehrbauern zum Gebirgsjäger", der Tiroler Dörfer im Hakenkreuzschmuck zeigt, ein Propagandawerk, das den ehemaligen KZ-Häftling Erich Bielka dazu veranlasste, die Frage zu stellen, ob jemand, der ein solches Werk herausgebracht hatte, geeignet sei, an der Leitung der Hochschulkurse in Alpbach mitzuarbeiten. Eine Prüfung des Innenministeriums sollte dann allerdings zu dem Schluss kommen, dass Moser als Mitglied des CV (Cartellverbands) und als "Exponent des katholischen Kulturgedankens", wie Maria Wirth aus dem Personalakt zitiert, durchaus vertrauenswürdig sei.

"Verteidigung des Westens"

 Obwohl sich die Vorstellungen der beiden Gründer über den Charakter der Veranstaltung in vielen Details widersprachen, ging man sofort nach Kriegsende an die "Sammlung einer geistigen und politischen Elite" und organisierte die ersten "College-Wochen". Nach einigem Hin und Her wählte man dafür die Ortschaft Alpbach in den Kitzbüheler Alpen aus und hielt dort mit 80 Teilnehmern die Veranstaltung zwischen 25. August und 10. September ab.

Entscheidend war von allem Anfang an die Unterstützung der westlichen Alliierten, die von den Veranstaltern auf die Gefahr aus dem Osten hingewiesen wurden. Monika Platzer vom Architekturzentrum Austria zitiert aus einem Antrag an die Catherwood Foundation in den USA, die mit Spenden zum Bau des Kongresszentrums beitragen sollte. Mit Hinweis auf die Türkenbelagerung 300 Jahre davor heißt es: "Wien ist wieder zum entscheidenden Punkt der Verteidigung des Westens gegen den Osten geworden, nur dass heute anstatt der Türken der asiatische Kommunismus Europa bedroht." Und man wies auch darauf hin, dass die Universitäten zu lasch mit dieser Gefahr umgingen, wodurch "viele Studenten in die Arme der kommunistischen Propaganda getrieben würden".

1954 wurde die Alpbacher Tanzserenade aufgeführt. Musik: Gottfried von Einem, Choreographie: Yvonne Georgi. - © Wolfgang Pfaundler, Archiv Europäisches Forum Alpbach
1954 wurde die Alpbacher Tanzserenade aufgeführt. Musik: Gottfried von Einem, Choreographie: Yvonne Georgi. - © Wolfgang Pfaundler, Archiv Europäisches Forum Alpbach

Die Argumentationslinie kam offenbar bei den westlichen Alliierten gut an und der Erfolg der Veranstaltung in Alpbach war bald nicht mehr zu übersehen. Die Teilnehmerzahlen wuchsen von 80 im August 1945 auf 330 im Jahr 1950 und 1957 auf 1000 Personen aus 21 Ländern. In dieser Zeit stammte in etwa ein Drittel der Anwesenden aus dem deutschsprachigen Raum, der Rest aus anderen Weltgegenden. 1951 begann man auch mit dem Bau eines Kongresszentrums, genannt Paula-von-Preradovic-Haus.

In ernsthafte Schwierigkeiten kam das Forum Alpbach erst im Jahr 1968, in der Zeit, in der sich in aller Welt unter der jüngeren Generation eine große Unzufriedenheit mit den Strukturen der Nachkriegszeit breitmachte. Manche der Akteure, wie zum Beispiel Fritz Molden, dachten damals laut darüber nach, ob das Forum nicht besser abgeschafft werden sollte, da die ursprünglichen Ziele bereits erreicht seien. Die Themen waren inzwischen, wie Maria Wirth in "Ein Fenster zur Welt" ausführt, stärker auf Management und Wirtschaft ausgerichtet, der Anteil der Studenten unter den Teilnehmern betrug nur noch zehn Prozent.

Das Alpbach-Netzwerk

Die Siebziger Jahre wurden für das Forum eine schwierige Zeit, in der die finanzielle Situation angespannt war und immer wieder Debatten über die Einstellung in Gang kamen. Außerdem sah man sich mit einer neuen Generation konfrontiert, wie zum Beispiel einer Gruppe junger Künstler, die im Jahr 1979 eine Veranstaltung dazu nützten, in Alpbach den fiktiven Staat "Artopia" auszurufen. Sprecher der Gruppe wie André Heller und Robert Jungk warfen damals dem Forum, wie Maria Wirth eine Sendung des "Club 2" im ORF-Fernsehen zitiert, "Arroganz gegenüber dem Merkwürdigen und Nichtvertrauten" vor, und diagnostizierten, dass sich in Alpbach "eine elitäre, abgeschlossene Schicht" versammelt habe, die einen "‚closed circle‘ der Begüterten" darstellte.

Zu einem neuen Aufschwung kam es im Jahr 1992. Damals wurden vom Land Tirol und der Gemeinde Alpbach die Subventionen erhöht, es gab Zuwendungen von der Nationalbank und vom Wissenschaftsministerium. Außerdem wurde das Programm mit neuen Akzenten überarbeitet. 1993 konnte man schließlich sogar den Auftrag für den Bau des neuen Kongresszentrums vergeben.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hatte sich das Forum zu einem modernen Großkongress entwickelt, der aus den Sommerschulen, den Seminarwochen und einzelnen Gesprächsforen besteht. Mit dieser Entwicklung wuchsen auch die Teilnehmerzahlen wieder konstant, von 1150 Personen im Jahr 1997 auf gut 4500 im Jahr 2015, ein Niveau, das sich in den folgenden Jahren halten sollte.

Auch das Alpbach-Netzwerk, das aus den Collegegemeinschaften der Nachkriegszeit hervorging, wurde ausgebaut und verfügte bald über dreißig regionale Clubs in mehr als zwanzig Ländern. Aktiv ist dieses Netzwerk zum Beispiel in Belgrad und in Kiew, wo mittlerweile Sommerschulen nach dem Modell von Alpbach bestehen. Der damalige Präsident des Forums, Erhard Busek, vertrat die Ansicht, dass die Bedeutung dieser Aktivitäten auf dem Niveau von "allen möglichen Konferenzen und Staatsbesuchen" stünden, weil sie politische Verbindungen in verschiedenen Bereichen Europas schaffen. Und das tun sie bis zum heutigen Tag.