Am 25. August 1945 wurden das Europäische Forum Alpbach (das sich damals noch ein wenig bescheidener Österreichisches College nannte) gegründet – 120 Tage nach der Gründung der II. Republik machte sich eine Gruppe von österreichischen Studenten Gedanken über die Fundamente einer freien, vielfältigen und demokratischen Gemeinschaft.

Urania, die griechische Muse des Sternenhimmels. - © Getty Images
Urania, die griechische Muse des Sternenhimmels. - © Getty Images

Heuer, 75 Jahre danach, kommen Intellektuelle, Politikerinnen, Spitzenbeamtinnen, Journalistinnen, Managerinnen, Forscherinnen, Aktivistinnen und Künstlerinnen (nach Jahren der absoluten Männerdomäne Alpbach wurden in den vergangenen Jahren immer mehr Frauen eingeladen) einmal mehr im Dorf der Denker zusammen.

Das Forum Alpbach stellt sich jedes Jahr ein Thema: 2018 war es "Diversität und Resilienz" – wer konnte wissen, dass 2020 Resilienz (Widerstandsfähigkeit) gegen eine weltweite Pandemie gefragt sein wird?

2019 lauteten die Schlagworte: "Freiheit & Sicherheit": 30 Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs und der Berliner Mauer ein passendes Thema für dieses Jahr, wird man sich gedacht haben – und ist nicht Freiheit und Sicherheit gleichermaßen in Gefahr in einer Welt, in der immer mehr die Gesetze des Dschungels herrschen, Bürgerrechte eingeschränkt werden und immer mehr Bruchlinien innerhalb von Gesellschaften und zwischen Staaten sichtbar werden? Aber auch zum Pandemiejahr 2020 hätte das Alpbach-Thema von 2019 – "Freiheit & Sicherheit" – gepasst: Denn nie zuvor in der Geschichte der II. Republik wurden die Freiheiten der Bürgerinnen und Bürger zugunsten der Gesundheit und somit Sicherheit aller derart eingeschränkt.

Der Götterhimmel

Heuer, im Jahr 2020, geht es also um "Fundamentals". Die Pandemie hat den Blick fürs Wesentliche geschärft.

Für die Griechen der Antike waren die "Fundamentals" im Götterhimmel vertreten: Athene, Urania, Thalia, Hermes – um nur einige zu nennen. Pallas Athene steht heute für den Staat, für Gerechtigkeit und den weisen Einsatz von Macht, Urania für die Astronomie und Wissenschaft, Thalia für die Künste und Hermes für die Wirtschaft.

Auf welchem Fundament ruht die Menschheit der Gegenwart? Bei den "Fundamentals" geht es um die Ecksteine unserer Existenz. Es geht um Moral. Um einen Säkularen Humanismus, rationale Agnostik, einen Atheismus der Vernunft, um Spiritualität jenseits von traditionellen Glaubensgemeinschaften. Um toleranten Glauben der Gottesfürchtigen. Um den Sinn des hier und jetzt und des davor und danach. Es geht um die Fundamente unseres Zusammenlebens. Um die Statik unseres Staates und die Architektur der Europäischen Union. Es geht um nachhaltiges und faires Wirtschaften jenseits eines extraktiven, entmenschlichten Kapitalismus, der auf Umweltzerstörung, Ausbeutung und Entfremdung beruht.

Es geht um die Grundlagen wissenschaftlicher Arbeit und die Voraussetzungen von ethischem und nachhaltigem Fortschritt, in der der Vorteil für die Menschheit und nicht der Profit für die Aktionäre bejubelt wird.

Und es geht um die Frage: Welches System für das menschliche Zusammenleben ist das tauglichste?

Als die Ur-Alpbacher vor 75 Jahren zusammenkamen, dominierten Diktatoren den eurasischen Kontinent: In China lieferten sich Mao Tse Tung mit Chiang Kai-shek einen blutigen Bürgerkrieg, in der Sowjetunion herrschte Joseph Stalin, in Spanien Francisco Franco, in Portugal António de Oliveira Salazar. Italiens Diktator Benito Mussolini und der "Führer" des III. Reichs, Adolf Hitler, waren erst seit wenigen Monaten tot und der japanische Tenno Hirohito hatte erst Tage zuvor – unter dem Eindruck der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki – in einer Radioansprache die bedingungslose Kapitulation Japans erklärt. Für die Ur-Alpbacher war nach dem Schrecken des III. Reichs klar: Eine Demokratie wie in Charles de Gaulles Frankreich, Winston Churchills Großbritannien oder Harry S. Trumans USA ist alternativlos.

Die Autokraten

Doch wie ist es um die "Fundamentals" im Jahr 2020 bestellt?

Die mächtigsten Länder der Welt außerhalb Europas (und mit der Ausnahme von Japan) werden derzeit von Diktatoren, Autokraten oder zumindest Antidemokraten regiert.

In Russland herrscht Präsident Wladimir Putin (67 Jahre) seit 20 Jahren – das Regime verknöchert immer mehr, das Land hat außer Öl, Gas und Rohstoffen, Rüstungsgütern und Atomtechnologie nicht allzu viel zu bieten, junge Russinnen und Russen können sich an ein Russland ohne Putin nicht mehr erinnern und die älteren haben die Hoffnung auf ein moderneres, offeneres Land längst aufgegeben. Welche Zukunft Russland im Post-Karbon-Zeitalter haben soll, darüber hat man aus dem Kreml nichts gehört.

In China hat Staats- und Parteichef Xi Jinping (67 Jahre) das Land nach Jahrzehnten der Öffnung auf einen autoritären Kurs einschwenken lassen. Ein chinesischer Nationalismus sozialistischer Prägung hat den Mao Tse Tung-Kult und die Parteiästhetik der KP Chinas abgelöst. Was aus dem chinesischen Gesellschaftsvertrag: "politische Gefolgschaft gegen wirtschaftlichen Aufstieg" werden soll, wenn dieser Aufstieg geschafft ist und den chinesischen Bürgerinnen und Bürgern Freiheit, Gesundheit, eine saubere Umwelt und Selbstbestimmung eines Tages wichtiger wird?

In Indien regiert Nardenra Modi (69 Jahre) nach dem Modell des von seiner Partei BJP (Bharatiya Janata Party) vertretenen Hindu-Nationalismus. Wie ein solches Modell in einem Vielvölkerstaat – in dem alle Weltreligionen vertreten sind, über 100 Sprachen gesprochen werden und ethnoreligiöse Konflikte immer wieder aufflammen – auf Dauer erfolgreich sein will, wissen nur Modi und seine BJP.

In Brasilien ist mit Jair Bolsonaro (65 Jahre) ein Ex-Militär an die Macht gekommen, der ein gestörtes Verhältnis zur Demokratie zeigt und der in der Covid-Krise seine Inkompetenz demonstriert hat.

Und in den USA? Ach, Amerika! US-Präsident Donald Trump (74 Jahre) ist eine Karikatur des US-Exzeptionalismus. Amerika ist anders, aber einen derart bizarren Präsidenten hat das Land schon lange nicht gehabt. Dieses Nomenklatura-Gruselkabinett wirft die Frage auf: Was ist bloß aus dem Traum von Demokratie, Freiheit, Bürgerrechten und Emanzipation geworden?

Fundamente renovieren

Der Ende Juli im Alter von 80 Jahren verstorbene US-Bürgerrechtler, Weggefährte von Martin Luther King und demokratische Senator John Lewis schrieb in seinem in der "New York Times" posthum veröffentlichten Essay: "Demokratie ist kein Zustand, sondern eine Handlungsweise, bei der jede Generation ihren Teil leisten muss, um mitzuhelfen, an dem zu bauen, was wir die geliebte Gemeinschaft nennen, eine Nation und eine Weltgemeinschaft, die mit sich im Frieden ist."

Im Jahr 2020 scheint die Zeit gekommen, die Fundamente zu renovieren.
Denn Covid-19 hat grundlegende Fragen aufgeworfen: Was ist wirklich wichtig im Leben? Die Prioritäten des Individuums und der Gesellschaft wurden in der Pandemie neu abgesteckt.

Auf welchem moralischen Fundament ruhen Gesellschaften, in denen sich weltliche wie religiöse Führer zwar auf einen Gott – egal welchen Namens – berufen, deren Glaubensanspruch aber exklusiv und absolut ist? Zumindest eine Beschäftigung mit der Geschichte der Religionen in Europa ist für das Verständnis des europäischen Erbes unabdingbar. Schließlich geht die heutige westliche Zivilisation zurück auf die abrahamischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam. Doch die Postmoderne ist auch Post-Theistisch. Und da stellt sich die Frage: Finden die postmodernen Gesellschaften zu einer "kosmischen Perspektive", wie sie der amerikanische Astrophysiker und Kosmologe Neil deGrasse Tyson vorschlägt? Welcher Weg führt zu einer säkularen Spiritualität, der die Suche nach den letzten Wahrheiten mit wissenschaftlichen Mitteln begleitet und ein Begreifen mit Ratio und Emotio ermöglicht?

Wie belastbar ist ein Wirtschaftssystem, in dessen Zentrum Konsum – und nicht die Wohlfahrt des Einzelnen – steht?

Wie gehen Bürgerinnen und Bürger damit um, dass sie ihre Freiheit zum Wohle der Gesundheit der Mitmenschen einschränken müssen? Wo verlaufen in dieser Güterabwägung die Zumutbarkeitsgrenzen? Und was bedeuten die in diesem gewaltigen Sozialexperiment gewonnenen Erkenntnisse für die anderen großen Fragen der Risikogesellschaft – Klimawandel und soziale Ungleichheit?

Der Shutdown im März 2020 lieferte eine weitere Erkenntnis: In der akuten Pandemie-Periode wurde ganz Österreich zur Republik Alpbach. Denn die Corona-Virus-Pandemie hat die Gesellschaft mit der wissenschaftlichen Denkweise vertraut gemacht.

Der Podcast des Berliner Virologen Christian Drosten und der Youtube-Kanal der deutschen Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim erlangten Kultstatus, in Österreich interessierte man sich plötzlich für die Arbeit des Simulationsforschers an der TU-Wien, Niki Popper, und für die Arbeit des genialen Complexity Science Hub des Teilchenphysikers Stefan Thurner. Evidenzbasierte Politik wurde zum Zauberwort in Zeiten der Pandemie. Man darf hoffen, dass eine Vielzahl von Schülerinnen und Studenteninnen ihr Interesse für Fächer wie Mathematik, Biologie und Chemie entdeckt hat.

Der Streit um Erkenntnis

Und man darf hoffen, dass das Verständnis für die Unwägbarkeiten und Unsicherheiten empirischer Erkenntnisse, die Logik des naturwissenschaftlichen Diskurses, in der die fortwährende Kritik einen zentralen Stellenwert einnimmt, gestiegen ist. Denn: Die Qualität von Forschung lässt sich vor allem an der Kritikwürdigkeit der Erkenntnisse messen. Wenn aber die Gelehrten quasi vor dem Vorhang streiten, anstatt ihren wissenschaftlichen Disput in den dafür vorgesehenen Foren der Fachjournale oder auf den Podien der Wissenschaftskongresse zu führen, leidet die Vertrauenswürdigkeit in den Augen des Publikums, das gerne klare Ansagen und zweifelsfreie Erkenntnisse geliefert bekäme. Den Zuschauern wird unwohl dabei, wenn die Wissenschaft in Echtzeit und vor Publikum um Erkenntnisse und Lösungen ringt, anstatt – wie sonst – in Ruhe abseits der Öffentlichkeit zu arbeiten und dann den wissenschaftlichen Konsens und die erprobte und getestete Lösung zu präsentieren.

Die Lehre: Um wissenschaftliche Erkenntnis muss im wahrsten Sinne des Wortes erstritten werden, der Naturwissenschaft ist ein Absolutheitsanspruch fremd. Denn wissenschaftliche Wahrheit wird bei der nächsten revolutionären Erkenntnis widerlegt, in der Wissenschaft kann einen niemand daran hindern, klüger zu werden.

So in etwa muss der Geist von Alpbach vor 75 Jahren gewesen sein. Und dieser Geist ist 2020, im Jahr der SARS-CoV-2-Pandemie lebendiger denn je.