Von der Energiewende über stabile Transportketten bis zu moderner Medizin und digitaler Kommunikation: Die Technologie-Community nimmt bei ihrem Treffen beim Forum Alpbach Lösungsmöglichkeiten für die vielseitigen Krisenerscheinungen der Gegenwart ins Auge.

Hintergrund der von Donnerstag bis Samstag laufenden Alpbacher Technologiegespräche ist ein Bericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, dessen Autoren die Welt in einer neuen Ära von komplexen und oft unvorhersehbaren Risiken sehen, die sich überlagern und verstärken.

Neben der Corona-Pandemie und dem Klimawandel beeinträchtigen geopolitische Spannungen die Leben von immer mehr Menschen. Die 27 internationalen Experten sehen eine "multiple Krise" mit massiven ökonomischen und gesellschaftlichen Auswirkungen, die Verschiebungen des Handels und und damit des Wohlstands bringen, und soziale Spannungen auslösen, die eine Gefahr für die Demokratie darstellen können. Die Frage, welche Rolle Wissenschaft, Forschung und Innovation bei der Krisenbewältigung spielen können, steht im Zentrum der Alpbacher Technologiegespräche. "Technologien können ein Schlüssel zur Überwindung dieser Krisenerscheinungen sein", sagt der Industrielle Hannes Androsch, der die Veranstaltung seit Jahren prägt.

Ausgehend von der Corona-Krise und massiv verstärkt durch den Krieg in der Ukraine, ist Energiesicherheit zum Top-Thema geworden. "Durch den russischen Angriffskrieg spitzt sich die Energiekrise zu. Die Energiewende muss weitaus schneller erfolgen als angenommen, wir müssen rasch ein klimafreundliches System schaffen, das Versorgungssicherheit bietet", sagt Theresia Vogel, Chefin des Klima- und Energiefonds, der mit einem Arbeitskreis zum Thema Netto-Null-Emissionen in der Schwerindustrie vertreten ist. Gesucht werde nach Wegen, unser Energiesystem neu zu denken.

Mit Turbulenzen in den globalen Lieferketten wiederum befasst sich ein hochkarätiges Podium aus dem Blickpunkt von Komplexitätsforschung und Praxis. Diese "Lebensadern" der Weltwirtschaft laufen seit dem Ausbruch der Pandemie nicht mehr rund. Diskutiert wird Versorgungssicherheit, diesmal anhand der Frage, wann lokale Produktion wünschenswert und wann globale unumgänglich ist.

Wie entscheidend die Forschung für das Leben ist, zeigte zuletzt vor allem die Biotechnologie. Impfstoffe auf RNA-Basis sind im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie wegweisend. Das Potenzial dieser medizinischen Technologie für Onkologie, Autoimmunkrankheiten oder genetische Syndrome. beleuchtet ein weiteres Panel.

Zu all diesen Themen bietet die Wissenschaft Lösungen. Wie aber kann die Transmission von der Wissenschaft in die Realität gelingen? "Vor der Herausforderung, Grundlagen in die Anwendung zu bringen, steht die Wissenschaft immer, da sie nicht auf bestimmte Ergebnisse ausgerichtet ist", sagt Bildungs- und Wissenschaftsminister Martin Polaschek zur "Wiener Zeitung". Die Gratwanderung sei, Forschungsförderung einerseits im Hinblick auf wissenschaftliche Freiheit und andererseits "an bestimmten großen Themen auszurichten, die die Gesellschaft und den Planeten betreffen".

"Vertrauen in Wissenschaft"

Unter dem Titel "Grand Challenges" hat die EU drängende Zukunftsfragen definiert. Es geht um den Klimawandel, die Rolle Europas in einer globalisierten Welt, die Zukunft von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit. Auch klinische Forschung oder Exzellenz in der Quantenforschung, die der Aufbau- und Resilienzfonds der EU mit 107 Mio Euro dotiert, stehen im Vordergrund. Für die Forschung an und die Marktreife von Wasserstoff-Technologien sieht die EU-Kommission 5,4 Milliarden Euro vor, die in 41 Projekte in 15 Ländern fließen sollen. Ein Schwerpunkt ist grüner Wasserstoff für die Industrieproduktion.

"Wem vertrauen?" heißt ein Arbeitskreis über Herausforderungen für die Wissenschaften an sich. Die sollten idealerweise so exzellent wie relevant sein, ihre Ergebnisse verständlich kommunizieren und das Vertrauen der Bevölkerung gewinnen. Doch das gelingt nicht immer. Von Landungen auf Kometen bis zu Corona-Impfungen liefern Forschende zwar ununterbrochen Erfolge, aber der Output scheint nicht alle zu überzeugen. Fakten werden nicht immer ernst genommen und sogar mit hanebüchenen Verschwörungstheorien gleichgesetzt. Insbesondere Österreich gilt als wissenschafts- und technologieskeptisch.

Polaschek hat eine Ursachenstudie in Auftrag gegeben (derzeit laufe noch eine Einspruchsfrist), die demnächst starten soll. Man will herausfinden, ob die Skepsis regionale oder altersmäßige Unterschiede kennt, ob verschiedene Formen existieren und wo man welche Zielgruppe abholen kann. Eines steht für den Wissenschaftsminister aber bereits fest: "Wir müssen in vielen Bereichen ansetzen." Um ein Verständnis zu vermitteln, was es bedeutet, Forschung zu betreiben, und wie wichtig ihre Ergebnisse für unser Leben sind, kann Polaschek sich eine "nationale, langfristige Strategie" vorstellen, die auf vielen Ebenen ansetzt, "um gegen Wissenschaftsskepsis vorzugehen".