"Wiener Zeitung": Die Europäische Arzneimittelbehörde hat Impfstoffe, die an die Omikron-Variante BA.1 angepasst sind, zugelassen. Derzeit dominiert aber Omikron BA.5 das Pandemiegeschehen. Womit würden Sie sich impfen lassen?

Ulrike Protzer:Ich würde mich bevorzugt mit dem Impfstoff immunisieren lassen, der an die aktuell zirkulierende Omikron BA.5-Variante angepasst ist. In Europa ist jetzt zunächst nur das an Omikron BA.1 angepasste Vakzin verfügbar, doch auch die Zulassung des BA.5-Impfstoffs wird in wenigen Wochen erwartet.

Ulrike Protzer, geboren 1962 in Stuttgart, ist Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum sowie des Instituts für Virologie der TU München. Beim Forum Alpbach diskutierte sie zu mRNA-Impfungen.
Ulrike Protzer, geboren 1962 in Stuttgart, ist Direktorin des Instituts für Virologie am Helmholtz Zentrum sowie des Instituts für Virologie der TU München. Beim Forum Alpbach diskutierte sie zu mRNA-Impfungen.

In den USA wird das Vakzin gegen BA.5 bereits verabreicht. Die Hoffnung war, dass das Update einen merklich höheren Schutz gegen Sars-CoV-2 bieten würde als die alten Impfstoffe auf Basis des Original-Erregers. Jetzt aber berichten US-Forscher, dass die neuen Booster gleich wirksam sind wie die alten. War die Arbeit an der angepassten Impfung umsonst?

Bisher haben die an die Varianten angepassten Vakzine in der Tat nur einen kleinen Vorteil gezeigt, aber eben doch einen kleinen Vorteil, der bei vielen Menschen schon relevant werden kann. Und wenn der Impfstoff nicht teurer wird, warum den Vorteil nicht nutzen? Das Wichtigste bleibt sicherlich, sich überhaupt boostern zu lassen, vor allem, wenn man über 60 Jahre alt ist, Vorerkrankungen hat oder mit alten oder kranken Menschen zu tun hat.

Es wird empfohlen, sich zwei Mal im Jahr gegen Sars-CoV-2 impfen lassen. Warum eigentlich?

Die mRNA-Technologie hat ein paar distinkte Vorteile. Einer ist, dass sie schnell anpassungsfähig ist und es daher kostengünstiger ist, neue Versionen einer Impfung zu generieren, als mit klassischen biotechnologischen Methoden. Allerdings ist mRNA instabil.

Grundlegend: Eine wesentliche Funktion der Ribonukleinsäure (RNA) in der biologischen Zelle ist die Umsetzung von genetischer Information in Proteine.

Die mRNA ist die Ribonukleinsäure, die jede Zelle in unserem Körper verwendet, um der Protein-Produktionsmaschinerie, den Ribosomen, zu sagen, welches Eiweiß sie denn herstellen sollen. Das m steht für "messenger", also den Boten. Diese Boten-Ribonukleinsäure ist per definitionem kurzlebig - im Gegensatz zur genetischen Information in der DNA. Genetische Information ist super-stabil, sonst würden sich unsere Gene ständig verändern und könnten keine biologischen Prozesse steuern. Die mRNA ist das nicht, sie übermittelt kurzfristig einen Befehl des Genoms an die Protein-Produktionsmaschinerie. Das macht sie schwierig zu hantieren, sie zerbricht sofort. Dass man den Corona-Impfstoff anfangs bei minus 80 Grad lagern musste, hängt mit dieser Instabilität zusammen.

Bei welcher Temperatur lagert er jetzt?

Es wurden Zusätze gefunden, genannt Formulierungen, um eine gewisse Haltbarkeit zu erreichen. Man kann die Impfung bei minus 20 Grad lagern, was der Temperatur eines haushaltsüblichen Gefrierschranks entspricht.

Welche Eigenschaften gibt es noch?

Der Nachteil der Instabilität bringt wie gesagt den entscheidenden Vorteil, dass die mRNA die Gene nicht verändert, sondern dem Körper nur vorübergehend sagt: Bitte produziere dieses Eiweiß. Das kann ein Impf-Antigen sein, damit der Körper denkt, dass er das echte Virus vor sich hat, und eine Immunantwort aufbaut. Da es aber in Wirklichkeit gar kein Virus ist, fällt die Gefahr einer Erkrankung weg und die schützende Immunantwort wird trotzdem aufgebaut, zumal der Körper auf jedes fremde Eiweiß reagiert. Natürlich muss man intelligent wählen, mit welchem Eiweiß-Bestandteil man eine Immunantwort auslösen möchte. Ein Virus besteht ja aus zahlreichen Eiweißen, aber die Boten-RNA im Impfstoff sagt der Zelle, nur ein einziges davon herzustellen, nämlich das, das für die Immunantwort relevant ist.

Bei anderen Impf-Technologien würde man dieses Eiweiß in der Zellkultur herstellen und spritzen, richtig?

Genau - die RNA-Impfung aber sagt dem Körper, mach es doch bitte für mich. Dadurch ist mehr Virus-Eiweiß in der Zelle, da es ja vom eigenen Körper hergestellt wird. Das heißt, ich bin viel näher dran mit der Immunantwort. Zudem muss ich es nicht, wie ein biotechnologisch hergestelltes Protein, in großen Bio-Reaktoren aufwendig aufreinigen und kontrollieren, ob es ja die richtige Form und Faltung hat. Unser Immunsystem reagiert nämlich stark darauf, wie etwas aussieht. Bildlich gesprochen: Es schaut nicht nur, ob da eine Nase und zwei Augen sind, sondern wie weit die Augen auseinander stehen oder ob die Nase gerade ist oder krumm. Proteine, die der Körper selbst produziert, sehen aus wie gewünscht. Deswegen sind RNA-Impfungen so wirksam.

Die Omikron-Variante wütet seit beinahe einem Jahr. Warum hat es so lange gedauert, bis angepasste Vakzine erhältlich wurden?

Erst mal musste man beschließen, dass man einen Impfstoff gegen Omikron produzieren will. Dann musste man sich entscheiden, gegen welchen Subtyp von Omikron der Impfstoff funktionieren soll. Allein dieser Prozess hat gedauert. Und weil man vorsichtig ist in den Zulassungsprozessen, mussten auch alle Änderungen durch klinische Studien durch. Man musste das Vakzin herstellen, Studienprotokolle von mehreren hundert Seiten mit dicht gepackten Informationen schreiben, dann musste es genehmigt werden, mussten die Studienzentren ausgewählt werden und jeder Proband musste einwilligen - da sind drei bis vier Monate schnell ins Land gegangen. Übrigens hat die erste Impfung zehn Monate gedauert und bei der zweiten sind wir jetzt bei vier Monaten.

Für welche anderen Bereiche ist mRNA nützlich?

Auf jeden Fall für andere Impfstoffe. Eine Krux dieser Technologie ist, dass man sein Ziel genau kennen muss. Man muss bei Viren genau wissen, welches Protein die Immunantwort anregt und wie es aussieht. Bei manchen Viren haben wir diese Information, etwa bei Influenza. Deswegen würde ich erwarten, dass man relativ schnell Grippe-Impfstoffe mit mRNA generieren kann. Wir gehen davon aus, dass wir eine effektive Influenza-Impfung damit machen können, die gegen mehrere Varianten des Erregers wirkt, zumal man bei mRNA auch mehrere Proteine mischen kann. Ich hätte gehofft, dass wir schon diesen Herbst so etwas haben, aber die Firmen stecken ihre Kapazitäten derzeit in Corona. Das wird sich im kommenden Jahr ändern, sodass man hoffen kann, dass es im Herbst 2023 so weit ist.

Für welche Erkrankungen funktioniert die Technologie noch?

Man arbeitet an einem Impfstoff gegen das RSV-Virus, das bei Kindern der häufigste Erreger von Lungenentzündung ist. Schwieriger ist es bei HIV, Hepatitis C, Malaria oder Tuberkulose, weil man nicht sicher ist, welches Vakzin man genau braucht. Eine weitere Hoffnung sind therapeutische Impfungen, mit denen das Immunsystem dazu gebracht werden soll, chronische Infektionserkrankungen loszuwerden, wie das Hepatitis B-Virus, das 290 Millionen Menschen in sich tragen. Und es gibt Hoffnung im Kampf gegen Haut-, Lungen-, Leber- oder Nierenkrebs, wo man durch die mRNA-Impfung neue Immunzellen generieren will.

Woran forschen Sie gegenwärtig?

Wir forschen an einer Heilung für chronische Hepatitis B und bringen einen therapeutischen Impfstoff dagegen gerade in klinische Studien. Es ist noch nicht auf mRNA-, sondern auf Protein-Basis, damit wir herausfinden können, was wir genau brauchen, um mRNA implementieren zu können. Deshalb wird es noch ein paar Jahre dauern, bis Ärzte das verschreiben können.