Alpbach. "Erwartungen - die Zukunft der Jugend": Unter diesem Titel steht das Europäische Forum Alpbach, das am Donnerstagabend eröffnete. Nobelpreisträger, Politiker, Sozial-, Jugend- und Wirtschaftsforscher, Künstler, Manager, Finanzmarktexperten und Studenten wollen sich in den kommenden zweieinhalb Wochen der Thematik annähern. Sie haben sich wirklich viel vorgenommen. Denn das Leben der Jungen gleicht einer Zerreißprobe zwischen Chancen und Risiken, ihre Welt ist von einer nahezu unvorstellbaren Komplexität.

Wiener Jugendliche üben ihre Geschicklichkeit auf dem Heldenplatz. - © APA/HERBERT PFARRHOFER
Wiener Jugendliche üben ihre Geschicklichkeit auf dem Heldenplatz. - © APA/HERBERT PFARRHOFER

"Früher war es leichter. Man konnte sich um einen Job bewerben - und bekam ihn. Man konnte fast jeden Beruf ergreifen ohne Zusatzqualifikationen, wurde dafür ordentlich bezahlt und musste nicht bangen, dass die Firma Pleite geht oder einen wegen Rationalisierungen wieder auf die Straße setzt", sagt die 68-jährige Christine S.. Sie selbst habe Ende der 1950er nach einer Lehre als Bürokauffrau bei einem Anwalt in ihrem Geburtsort Korneuburg gearbeitet und dann geheiratet. Als ihr Mann einen Job in Hamburg bekam, ging sie mit und gründete dort ein Immobilienbüro. Später, zurück in Wien, eröffnete das Paar ein Geschäft, bekam zwei Kinder, kaufte ein Auto, kaufte ein Haus.

Zukunft der Jugend - Thema im Konferenzzentrum Alpbach. - © APA/ROBERT PARIGGER
Zukunft der Jugend - Thema im Konferenzzentrum Alpbach. - © APA/ROBERT PARIGGER

"Früher war es leichter"


"Man konnte sich damals leichter etwas aufbauen", berichtet sie.: "Es gab auch nicht viele Lokale, weitaus weniger Geschäfte - wir konsumierten nicht viel. Strom, Gas und Benzin waren billig, Essen im Gasthaus und Lebensmittel beim Greißler erschwinglich." Untertags, wenn sie und ihr Mann arbeiteten, passten Großmutter und Tante auf die Kinder auf. "Das alles gab uns den Freiraum, unser Leben zu planen", fasst Christine S. zusammen.

Heute sind Kleinfamilien wochenlang auf der Suche nach Kinderbetreuungsplätzen. Heimische Lehrlinge sehen in Fernsehnachrichten, wie die Wirtschaftskrise in Madrid tausende junge Arbeitslose zu Demonstrationen auf die Straße treibt, gleichzeitig sind ihre Chancen angesichts der steigenden Jugendarbeitslosigkeit auch hierzulande prekär. Berufseinsteiger zahlen in ihrer ersten eigenen Wohnung Strom-, Gas- und Betriebskostenrechnungen, die so hoch sind wie die Mieten selbst, was nur den Geschickten erlaubt, Geld für etwaige Zusatzqualifikationen zurückzulegen, um ihrer Karrieren abzusichern. Der Rest, der vielleicht ebenso talentiert ist, aber weniger gut im Selbst- und Finanzmanagement, kann das nicht . Viele bleiben auf der Strecke, viele haben gar keinen Job.

Andere suchen intellektuelle Herausforderungen und nehmen für ein interessantes Forschungsprojekt niedrige Gehälter und befristete Verträge in Kauf. Sprachtalentierte Tourismusschülerinnen sammeln Auslandserfahrung in renommierten Hotels, bleiben aber mit dem Lohn unter ihrem Qualifikationsniveau. Junge Unternehmensberater wiederum verdienen verhältnismäßig viel bei Projekten im Ausland, arbeiten aber um die 60 Stunden die Woche. Sie haben wenig Zeit, einen Partner zu finden, Familienplanung bleibt auf der Strecke.

Was also haben junge Menschen zu erwarten? Was wollen sie, und mit welcher Zukunft müssen sie rechnen? Die ÖVP-nahe Julius Raab Stiftung in Österreich und die Bertelsmann-Stiftung in Deutschland haben eine Studie zum Thema durchgeführt, die sie in Alpbach präsentieren werden und die der "Wiener Zeitung" vorab vorliegt. Befragt wurden 1000 Menschen unter 30 Jahren in persönlichen Interviews und ebenso viele über Internet zu ihren Erwartungen für 2030. Die Antworten offenbaren Angst vor der Rückkehr zu frühkapitalistischen Zuständen.

Bis 2030 wird demnach das Leben definitiv ungemütlicher. Klimawandel und Umweltbelastungen verschlechtern die Lebensbedingungen. Drei Viertel der Befragten betonen, dass die hohen Kosten der Energiewende alle treffen werden und sich gleichzeitig die Nahrung noch weiter verteuern wird. Dürren aufgrund der Klimawandel-bedingten Wetterverhältnisse führen zu Migrationsströmen, die die Gesellschaft unablässig vor Herausforderungen stellen.

Die Schulden der Vorgänger


Zwar werde die Jugendarbeitslosigkeit in 20 Jahren schon allein aufgrund der Demografie überwunden sein - Jugend wird auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt weil zum raren Gut. Allerdings wird nicht nur das Erwerbsleben länger dauern, sondern es werden die Älteren selbst in der Pension gegen geringe bis keine Bezahlung für soziale Aufgaben herangezogen werden. Die finanziellen Verpflichtungen der Erwerbstätigen steigen, ohne dass sich das für sie bezahlt macht, denn sie müssen sie die Schulden vorheriger Generationen abstottern. Öffentliche Sozialleistungen stehen nur noch in geringem Ausmaß zur Verfügung. Pflegeversicherung und private Gesundheitsvorsorge werden Standard, und um weitere Kosten zu sparen, wird es ein gesunder Lebensstil auch. Naturgemäß steigert der wachsende äußere Druck den sozialen Zusammenhalt im persönlichen und familiären Umfeld. Womit sogar die Großfamilie zurückkehren könnte.

Gleichzeitig erwarten über 86 Prozent der jungen Befragten Verbesserungen für Menschen mit Behinderungen in der Arbeitswelt sowie mehr Respekt gegenüber den Mitmenschen. Auch die Technologieentwicklung sehen die Jungen differenziert. 80 Prozent halten sie für segensreich, weil sie das Reisen, die Kommunikation und den Kulturaustausch vereinfachen, sowie die Automatisierung der Industrie, der Medizin, des Verkehrs oder der Landwirtschaft erhöht, was Kosten spart und Leben rettet. Dennoch kann die Technologie nicht alle Probleme lösen. "Immer mehr Daten sind frei verfügbar, wodurch sich die Machtstrukturen in der Gesellschaft verschoben haben. Allerdings hat auch die Überwachung zugenommen, mit Auswirkungen auf die Privatsphäre", heißt es. Drei Viertel der Befragten stimmten zu, dass Daten ein immer wichtiger Rohstoff sind und ein Machtfaktor.