Wir bekennen uns zum Proof of Concept. Der Beitrag des ERC besteht aber nicht darin, die ganze Innovationslandschaft umzugestalten, sondern wir möchten unter Grundlagenforschern ein größeres Bewusstsein dafür schaffen. Es gibt kleine Produkte, die im Zuge der wissenschaftlichen Tätigkeit entstehen. Wir öffnen durch eine Zusatzfinanzierung die Tür, um sie auf den Markt bringen zu können. Letzten Endes sind ja alle glücklich, wenn eine Idee dann von Nutzen ist. Grundlagenforschung ist nicht völlig isoliert zu betrachten.

Bringt nicht der Gedanke, dass der Übergang von wissenschaftlichen Grundlagen zur Anwendung fließend ist, ein neues Verständnis mit sich, das sich vom Bild des passionierten Forschers entfernt? Definieren wir Grundlagenforschung um?

Absolut nicht. Vom ERC finanzierte Grundlagenforschung hat mit vorgegebenen Zielsetzungen nichts zu tun. Jede Idee, die von 25 multidisziplinär zusammengesetzten Panels für wissenschaftlich exzellent befunden wird, ist willkommen. Nur auf diese Weise können wir ganz breit und offen neues Wissen gewinnen und die Grundlagen legen. Aber was unterschätzt wird, ist die Bedeutung von Technologien, die dabei entwickelt werden und sich als anderweitig nutzbar entpuppen. Etwa haben wir einem Neurowissenschafter einen Proof-of-Concept-Grant gegeben, der die Verbindung von der Nase über den Geruchssinn zum Gehirn untersucht. Ihm kam die Idee, dass Menschen, die völlig gelähmt sind, immer noch über den Atem mit der Welt verbunden sind. Er baute ein Instrument, mit dem solche Patienten über den Atem mittels Computer mit ihrer Umwelt kommunizieren können. Ökonomisch gesehen ist es ein Flop, weil es zu wenige Patienten dafür gibt.

Wie stehen die Kosten in Relation zum Nutzen?

Es ist ein darwinischer Prozess. Zuerst gibt es viele Ideen und dann eine Selektion. Je mehr Ideen vorhanden sind, desto besser funktioniert die Auswahl bei der Frage, wie der Markt aussieht. Manche Krankheiten werden nicht weiterverfolgt, weil der Pharmaindustrie der Markt zu klein ist. Die Frage ist außerdem, ab wann sie Kosten und Nutzen berechnen wollen. Etwa hat die Sequenzierung des Genoms zig Jahre gedauert und Milliarden gekostet, bald werden wir aber für 100 Dollar unser eigenes Genom sequenzieren können. Es gibt drei Märkte, wo die Kosten für Innovationen keine Rolle spielen, das ist das Militär, das ständig innoviert, der Sport, wo der Markt vorhanden ist, und das Luxussegment des Gesundheitssektors, besonders in den USA.

ERC Grants werden laufend an Österreicher vergeben. Wo stehen wir im europäischen Vergleich?

Gut im Mittelfeld. Institutionen, die sich international geöffnet haben, schneiden sehr gut ab.

Das EU-Forschungsrahmenprogramm "Horizon 2020" hat 70 statt 80 Milliarden Euro bekommen. Darin wurde aber das ERC-Budget von 7,1 Mrd. auf 13,4 Mrd. verdoppelt. Immer noch wenig in Relation zu den anderen Forschungsbereichen?