Louise McCosker: Das Projekt hat auch Einfluss in Gebieten, in denen kein bewaffneter Konflikt auf der Tagesordnung steht. Seit Jahren beobachten wir eine wachsende Respektlosigkeit gegenüber medizinischem Personal. Krankenwagen werden nicht mehr so leicht durchgelassen und Spitalangestellte müssen sich mit Beschimpfungen herumschlagen. Ich glaube, Healthcare in Danger hat uns daran erinnert, dass wir mit diesen Menschen respektvoller umgehen müssen.

Was wissen wir über die Gründe für solche Attacken gegen medizinisches Personal?

Eshaya-Chauvin: Das Problem ist, dass jeder Kontext, jedes Land, jeder Konflikt anders ist. Es gibt sehr viele verschiedene Gründe für solche Angriffe und sogar noch mehr Arten, wie die jeweilige lokale Bevölkerung mit dem Phänomen Gewalt umgeht. Regierungen haben hier Verantwortung, das Militär, nichtstaatliche bewaffnete Gruppen. Man kann auch viel mit der Gemeinschaft an sich machen, um sicherzustellen, dass Hilfe richtig wahrgenommen und akzeptiert wird.

Bei der Lösungsfindung für das Problem arbeitet das ICRC auch mit bewaffneten Gruppen zusammen. Wie läuft das ab?

Eshaya-Chauvin: Das ICRC hat immer schon auch mit bewaffneten Gruppierungen gesprochen, weil unsere Methodologie es vorsieht, dass wir mit einfach allen sprechen. Wir müssen das tun, um Zugang zu der von ihnen kontrollierten Bevölkerung zu bekommen, zu ihren Gefangenen und um Dinge zu verhandeln. Was neu ist, ist, dass wir das Healthcare in Danger-Projekt auch dazu nutzen, auf diese Gruppen zuzugehen, um Wege zu finden, wie sie dabei helfen können, die Situation zu verbessern.

McCosker: Der Grund, warum es so wichtig für uns ist, mit diesen Akteuren einen Dialog zu halten, ist, dass sie nicht nur oft die Täter sind, die die Gewalt ausüben, sondern dass sie Zugang zu medizinischer Versorgung brauchen und diese manchmal auch selbst für ihre Leute zur Verfügung stellen. Wir sprechen über das Projekt und wie das humanitäre Völkerrecht auf bestimmte Situationen anzuwenden ist. Es geht darum, Bewusstsein zu schaffen und das größere Ganze zu sehen.

Hat der Schutz von medizinischem Personal im internationalen Recht genug Priorität?

McCosker: Er ist definitiv in den Genfer Konventionen fest verankert. Auch im humanitären Recht hat er einen wichtigen Stellenwert und rechtlich gesehen gibt es einen klaren Schutz für Krankenpersonal. Unsere Botschaft ist, dass diese Teile des internationalen Rechts sehr stark sind, aber dass wir genauso hart arbeiten müssen, sie umzusetzen.

Wird Gewalt gegen Patienten und Gesundheitsarbeiter strafrechtlich als Kriegsverbrechen verfolgt?