- © Irma Tulek
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Der französische Philosoph Voltaire (eigentlich François-Marie Arouet, 1694-1778) veröffentlichte nach einem prägenden Aufenthalt in England, wohin er nach einem Gefängnisaufenthalt gleichsam exiliert war, im Jahr 1734 seine "Lettres anglaises" (oder Lettres philosophiques). Diese Briefe sind Voltaires Abrechnung mit den Zuständen in Frankreich, wo der katholische Klerus das kulturelle Leben im Würgegriff hielt und der Adel Wirtschaft und Gesellschaft blockierte. Diesen Zuständen in seinem Land stellte er die viel größere Religionsfreiheit in Großbritannien gegenüber und schwärmte vom Parlament in Westminster. Dank Voltaire interessiert Frankreich sich bald nicht nur für die Lehren des Physikers Isaac Newton. Voltaire brachte den Franzosen auch den politischen Philosophen John Locke (1632-1704) näher. Der Vater des Liberalismus vertrat die Ansicht, dass eine Regierung die Zustimmung der Regierten benötigt und die "Naturrechte" Leben, Freiheit und Eigentum beschützen muss. Locke argumentierte, dass wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind, die Untertanen ein Recht auf Widerstand gegen die Regierenden haben. Damit sowie mit den bald kursierenden anti-klerikalen und anti-feudalistischen Ideen war der Keim für die Amerikanische Unabhängigkeit und die Französische Revolution gelegt.

Und auf dem Gebiet des heutigen Deutschland? Die deutschen Aufklärer waren weniger religions- und staatskritisch als die Franzosen und weniger politisch als die Engländer oder Franzosen, aber der deutsche Philosoph Immanuel Kant hat 1781 mit seiner "Kritik der reinen Vernunft" das Fundament für die moderne Philosophie gelegt. Und 1784 erschien in der "Berlinische Monatsschrift" seine Antwort auf die Frage "Was ist Aufklärung?"  Aufklärung ist nach Kant der "Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit:" wobei "Unmündigkeit" in Kants Worten das "Unvermögen sich seines Verstandes ohne die Leitung eines anderen zu bedienen" ist. Und wenn der Grund für dieses Unvermögen nicht in einem Mangel an Verstand liegt, dann ist diese Unmündigkeit selbstverschuldet, schreibt Kant, und liege schlicht an der Angst davor, sich seines eigenen Verstandes ohne die Anleitung eines Anderen zu bedienen.

Der Essay gipfelt in Kants Apell, der zum Wahlspruch der Aufklärung wurde: "Sapere aude!", "Habe Mut, Dich Deines Verstandes zu bedienen!"
Kant war auch stark von den Grundgedanken des französisch-sprachigen Philosophen Jean-Jacque Rousseaus (1712-1778) über eine rechtsstaatliche Gemeinschaft freier Bürger beeinflusst. Und diesen Gedanken der Aufklärer hat die Menschheit die Amerikanische Verfassung, die Idee universeller Menschenrechte und die Verfassungsdokumente der meisten modernen Verfassungsdemokratien zu verdanken.

Auf die Schübe der Aufklärung folgte aber immer auch die Gegenaufklärung. In prächtigen Bibliotheken, wie etwa der prächtigen, 1776 fertiggestellten Stiftsbibliothek in Admont, sammelte man das Wissen der Welt und in großartigen Lexika wie der zwischen 1751 und 1780 in 35 Bänden erschienene "Encyclopédie" versuchte man, dieses Wissen auch breiteren Schichten zugänglich zu machen.

Beim Wartburgfest der Burschenschaftler 1817 warfen die frühen Deutschtümler das Buch "Germanomanie" des Schriftstellers Saul Ascher unter antisemitischem Gejohle ins Feuer, 1933 landeten die Schriften missliebiger Autoren auf den Scheiterhaufen der Nazis. Die Zeile aus der  1823 veröffentlichten Tragödie "Almansor" des Dichters Heinrich Heine sollte sich später als prophetisch erweisen: "Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen."
Unter dem Eindruck der Menschheitskatastrophe des Nazi-Terror-Regimes, des II. Weltkriegs und der Shoah versuchten die deutschen Philosophen Theodor W. Adorno von 1939 bis 1944 in philosophischen Fragmenten die "Dialektik der Aufklärung" aufzuzeigen. Eine aufgeklärte Vernunft könnte in ein totalitäres System umschlagen, weil diese Vernunft selbst einen Herrschaftsanspruch erhebe, dem sich alles zu unterwerfen habe: Im Zuge der Industrialisierung werde "der dunkle Horizont des Mythos von der Sonne der kalkulierten Vernunft aufgehellt, unter deren eisigen Strahlen die Saat der neuen Barbarei heranreift", schrieb Adorno im US-Exil in einer Schrift, die im Jahr 1951 unter dem Titel "Minima Moralia" erschienen ist. Der Schauder über die monströse Rationalität des industriellen Massenmords war es wohl, die Adorno und Horkheimer zu ihrem Urteil gebracht haben.

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Kritiker der Aufklärung von linker Seite wenden auch ein, dass die Aufklärung den modernen Kolonialismus ermöglicht und befördert hat. Denn die Imperialisten des Kolonialzeitalters hätten von der Aufklärung ihr imperialistisches Welt- und Menschenbild legitimiert gesehen, in dem der edle, kluge, gebildete und aufgeklärte Weiße, einer wilden, dunkelhäutigen Horde von bloßfüßigen Untermenschen entgegentritt und ihnen die Segnungen der westlichen Welt näherbringt. Dass er sie bei dieser Gelegenheit brutal ausbeutet, tut für den Imperialisten nichts zur Sache.
Die Weltsicht eines "Kampfs der Kulturen", in dem vormittelalterliche Islamo-Faschisten dem aufgeklärten Westen feindlich gegenüberstehen, ist übrigens nichts weiter als die postmoderne Variante dieser simplen Weltsicht.
Die Fundamentalkritik an der Aufklärung in der Tradition nach Adorno und Horkheimer lautet aber: Am Ende gehe es den Hyper-Aufklärern es um den Endsieg der Vernunft. Und wenn dieser Vernunft Menschen im Weg stehen, erscheint es den Hyper-Aufklärern dann nicht sogar legitim, diese schlichten Gemüter zu beseitigen?

Kritiker, die Adorno und Horkheimer folgen, wenden ein, dass Menschsein mehr heißt, als nur eine Vernunftmaschine zu sein. Adorno stellt dem vernunftgetriebenen Produktionsmodell, von dem er alle menschliche Aktivität – und auch den Massenmord des Holocaust – vorangetrieben sieht, ein Modell der Kontemplation und der Achtsamkeit gegenüber.
Diese Kritik lässt sich in Zeiten des Klimawandels, der Rohstoffknappheit und der fortschreitenden Vergiftung der Meere auch als Kritik am Dominum terrae-Motiv aus dem Buch Genesis des alten Testaments, deren bekanntester Vers mit dem Satz gipfelt: "Macht Euch die Erde untertan" und als Apell an mehr Menschlichkeit deuten. Es gibt eben kein richtiges Leben im Falschen, lautet der wohl meist zitierte Satz der "Minima Moralia".

Plädoyer für eine neue Aufklärung

Aber zurück zu Popper: Er dehnt die Aufforderung vom Gebrauch des menschlichen Verstands auf die Geschichte aus. Popper war ein Zeitzeuge und Opfer der Katastrophen des Zeitalters der Extreme im 20. Jahrhundert. Das sinnlose Sterben in Verdun, von den Soldaten in grausigem Sarkasmus "Blutpumpe" genannt, und an den Fronten des ersten Weltkriegs muss Popper als jungen Menschen verstört haben. Er entschied sich noch vor dem "Anschluss" Österreichs an Nazi-Deutschland zum Exil in Neuseeland.  Einige seiner Freunde wurden von den Nazis deportiert und ermordet und Joseph Stalins Schreckensherrschaft führte Popper vor Augen, dass der blinde Glaube an Ideologien auch in der Sowjetunion zu einem Terrorregime führte. "Doch alle Negativitäten ließen Popper nicht verzweifeln oder zu einem Propheten des Untergangs werden. Stattdessen gab er ihnen eine Wende, mit der er historisch nachvollzog, was er zunächst als Erkenntnistheoretiker erkannt hatte: Wir können aus unseren Fehlern lernen", wie Manfred Geier in seinem Buch "Aufklärung" schreibt. Aus der Vergangenheit lernen, das ist die positive Formulierung der Warnung des US-amerikanischen Philosophen und Schriftstellers spanischer Herkunft George Santayana (1863-1952), der schrieb: "Wer sich nicht an die Vergangenheit erinnern kann, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen."

Und genau da muss die "neue Aufklärung" ansetzen.
Popper: "Den Ideen der Aufklärung, denen Kant Ausdruck gegeben hat, sind wir in mancher Hinsicht näher gekommen als irgendeine Generation vor uns; insbesondere der Idee der Selbstbefreiung durch das Wissen, der Idee einer pluralistischen oder offenen Gesellschaftsordnung und der Idee der Verkündigung des ewigen Friedens als Ziel der politischen Kriegsgeschichte".

Das Projekt Aufklärung ist also keines, das als erledigt zu betrachten ist. Kants "Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht" hat bis heute Aktualität: Er diskutiert in dem Aufsatz die Bedeutung der Rechtstaatlichkeit und die Regulierung von Freiheit und ihren Grenzen. Diese Freiheit muss immer wieder erkämpft werden, gerade heute. Wenn etwa der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) bei der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs von München vom 22. Juli sagt: "Sicherheit ist das höchste Gut einer Demokratie", dann will man fragen, "Moment, war da nicht was? Ist das höchste Gut in einer Demokratie denn nicht die Freiheit?" Der amerikanische Staatsmann, Verleger, Erfinder und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin (1706-1790), ein Kind der Aufklärung durch und durch, hätte die passenden Worte für die Seehofers unserer Zeit: "Wer wesentliche Freiheiten aufgeben kann, um eine geringfügige bloß jeweilige Sicherheit zu bewirken, verdient weder Freiheit noch Sicherheit".