Absam ist eine kleine Tiroler Gemeinde mit knapp 7000 Einwohnern. "Schon in meiner Kindheit", sagt Franz Fischler, Jahrgang 1946, "hat sich der Wandel vom klassischen Bauerndorf zum Industriedorf vollzogen". Es ist schon lange nicht mehr das Dorf seiner Großeltern, "die in ihrem Leben nie über Tirol hinausgekommen sind". Trotzdem ist der Ort seine Heimat, dort besucht er den Stammtisch, dort hat er Freunde. 15 Jahre lang war er sogar Präsident der Tiroler Blasmusik, heute gehört er noch dem Aufsichtsrat der Innsbrucker Museen an, zu denen auch das neue  Museum am Berg Isel gehört. Dort will man ganz bewusst den Bezug zur Heimat pflegen, aber, wie Franz Fischler sagt, "nicht nur die historische Seite, sondern auch eine in die Zukunft weisende".

Womit der entscheidende Punkt erreicht wäre: Wie sieht denn ein zukunftsweisender Heimatbegriff aus? "Leider wurde der Heimatbegriff oft entstellt", räumt Franz Fischler ein, "und für ideologische Zwecke missbraucht".  Zum Beispiel in der Zeit des Nationalsozialismus. "Da wurde er so sehr verunstaltet, dass man ihn lange Zeit kaum verwenden konnte." Das habe dazu geführt, dass man "in Intellektuellenkreisen abgelehnt hat, zu einer Heimat in Bezug zu stehen, und lieber kosmopolitisch sein wollte".
Aber Franz Fischler selbst hat ja nicht nur in Absam gelebt. Im Zeitalter der Globalisierung scheint so ein Leben kaum mehr denkbar zu sein. Zehn Jahre seines Lebens hat er als EU-Kommissar in Brüssel verbracht und auch gegenwärtig lebt er eine Hälfte der Woche in Absam und die andere in Wien, sofern er nicht auf Reisen ist. "Ich habe unterschiedliche Heimaten", sagt er und meint damit Brüssel und in gewisser Weise sogar Europa als Ganzes. "Heimat ist dort, wo man geistige Wurzeln hat, wo man Freunde trifft, wo man anderen Menschen begegnet." Einen Heimatbegriff, der sich ausschließlich an der Welt "rund um einen Kirchturm" orientiert, findet er in der modernen, mobilen Welt unangemessen. "Jeder Mensch kann sich entscheiden, wo er sich beheimatet fühlt, auch in einer Gesinnungsgemeinschaft."

"Der gefühlsbetonte Heimatbegriff", sagt Fischler, "geht auf die Romantik zurück". Zu jener Zeit, zu der der französische Nationalstaat die stärkste Macht der Welt war, bestand das heutige Deutschland ja noch aus 36 Kleinstaaten. In jener Zeit hielt man der französischen Übermacht die Idee der Heimat als ländlicher Idylle entgegen, eine heile Welt im Kleinen. Darin scheint wohl auch der Grund dafür zu liegen, dass es für das deutsche Wort "Heimat" keine direkte Entsprechung in anderen Sprachen gibt. Weder "native land" im Englischen noch "mon pays" im Französischen würde man mit demselben Unterton aussprechen.

Als Student begegnete Fischler in Wien dem Schriftsteller Friedrich Heer und nahm von ihm den Begriff der "inneren Mehrsprachigkeit" auf, der sich mit der Erfahrung der "unterschiedlichen Heimaten" verbinden lässt. So hat ihn sein Leben lang die Notwendigkeit begleitet, die Sprache wechseln zu müssen je nach dem Milieu, in dem er sich gerade bewegte, eine für den Politiker unentbehrliche Fähigkeit. "Im Global Village", sagt er, "wird nicht nur ein Dialekt gesprochen".

Nicht nur die Mehrsprachigkeit gehört zum modernen Heimatverständnis, auch die Offenheit, zum Beispiel gegenüber Migranten. "Das sind ja Menschen, die einen Abbruch von Heimat hinter sich haben und eine neue Heimat suchen. Deswegen besteht für Franz Fischler kein Zweifel daran, dass Integration ein langfristiger Prozess ist.

So wenig ein zukunftstauglicher Heimatbegriff Fremdenfeindlichkeit rechtfertigen kann, so wenig taugt er aus Fischlers Sicht als Argument für die Ablehnung internationaler Strukturen, wie sie die EU darstellt. "Als Folge der Aufklärung war der Nationalstaat die unentbehrliche Struktur zur Governance des Industriezeitalters."  In der Periode der Globalisierung und Digitalisierung ist dieser Nationalstaat aber nicht mehr geeignet, "die Zukunft zu gestalten", womit das aktuelle Thema des Europäischen Forums Alpbach angesprochen ist: Neue Aufklärung.  Wenn Aufklärung im Sinne des Philosophen Immanuel Kant darin besteht, den Verstand ohne Rücksicht auf Vorurteile zu gebrauchen, dann steht Europa derzeit vor einer entscheidenden Frage:  Soll die Europäische Union eine lose Verbindung von Staaten bleiben oder entsteht eine übergeordnete Struktur, in der Nationalstaaten einen Teil ihrer Souveränität abgeben?

Für den heimatverbundenen Tiroler Franz Fischler gibt es keinen Zweifel daran, wie die vernunftgemäße Antwort im Sinne der Neuen Aufklärung lautet: Die europäische Integration muss weitergehen. "Der Gedanke, dass der Nationalstaat nicht mehr reicht, um die Zukunft zu bewältigen, ist noch nicht Gemeingut geworden", sagt Franz Fischler mit Blick auf die britische Volksabstimmung, die eine Mehrheit für einen Rückzug Großbritanniens aus der EU gebracht hat. Doch deutet sich der Wandel bereits an. Fischler erinnert an eine Bertelsmann-Studie, der zufolge von den Briten, die 25 Jahre alt oder jünger waren, 75 Prozent den Verbleib in der EU wünschten, während von den über 60 Jährigen zwei Drittel für den Austritt stimmten.
Aber den Bezug zur Heimat hat diese jüngere Generation deswegen nicht verloren, wie Franz Fischler an seinen eigenen Kindern sieht. Von denen leben zwei im Ausland, zwei sind in Österreich geblieben. Doch denen, die Österreich verlassen haben, bleibt der Bezug zu ihren Wurzeln wichtig und die moderne globalisierte Welt macht es mit ihren technischen Möglichkeiten sogar leichter, diese Beziehung zu pflegen.