Ich sitze hier an meinem Schreibtisch an einem dunklen, regnerischen Morgen an der Ostseite der Rocky Mountains und ich höre die Eisenbahn durch das Bow River Tal pfeifen. Da unten ist es eng. Die TransCanada-Bahn zwängte sich 1885 durch, führte entlang des Flusses weiter hinauf zum Continental Divide und wieder hinunter zum Pazifik. Die Autobahn kam in den 1920ern und entwickelte sich zu einem eigenen Fluss, auf dem Touristenbusse durch die Landschaft sausen.

Lange Zeit davor streiften große Säugetiere leise durch dieses Tal: Bären und Büffel, Luchse und Pumas. Die einzigen Linien, die sie zogen, waren ihre Spuren - und die Fußspuren in den Erinnerungen der Bewohner, die sich zwischen Jagdgründen und Sammelplätzen bewegten, zwischen Winter- und Sommerquartieren. Es gibt hier einen Mann, der heute noch diese alten Pfade entlang des Flussbettes kennt. Er hat Pfeilspitzen und die Feuersteine gefunden, die einst hier zum Schärfen von Waffen und Werkzeug verwendet wurden.

Neue Routen

Über mir, hoch über dem ausgebauten und überfüllten Tal, erstreckt sich ein Streifen Wald auf die Berge. Diese Waldzone wird als "Wildtier-Korridor" bezeichnet. Elche, Rehe, Wölfe und Bären - unterhalb verdrängt - sollen sie verwenden. Es ist ihre Straße, beschildert und abgegrenzt. Denn die Menschen verstanden nicht, als die Häuser, Verkehrswege und Golfplätze im Tal gebaut wurden, dass die Tiere diesen Raum benötigen. Ich kann Ihnen sagen, dass die großen Tiere sich nicht ganz an ihre neue Route gewöhnt haben. Die Zeitungen berichten ständig von Aufeinandertreffen zwischen Golfern und Elchen, Mountainbikern und Grizzlybären; Lobbyisten, Parlamentarier und Wissenschafter sind damit beschäftigt, größere Tragödien zu vermeiden.

Es ist ein heikles Geschäft, diese Karten neu zu zeichnen.

Die Aufklärung im 18. Jahrhundert brachte viele Wunder mit sich: Toleranz, Schutz für diejenigen, die sich gegen die Mächtigen aussprachen, Gleichberechtigung für (die meisten) Männer (wenn auch nicht für Frauen), Vertrauen auf Vernunft, Wissenschaft und eine optimistische Zukunftshaltung. Mit diesen Grundsätzen verschoben europäische Entdecker die Grenzen ihrer Imperien. Die Wissenschaft hat sie nach Nordamerika geführt - oder vielleicht sollte ich sagen, wir kamen hierher - und hier angekommen führten sie die Spuren der Urbewohner direkt zu ihrer Beute aus Pelz und Holz. David Thompson, der bedeutsame kanadische Kartograf, nannte die Spuren "Straßen". "Die Straße endet...", schrieb er betrübt in sein Tagebuch. Sie können sicher sein, dass dieses Land bereits vor der Kolonialzeit vermessen wurde. Aber diese Karten wurden vergessen. Die Religion, die Länder und die Lebensgeschichten der Urbevölkerung fielen der Eroberung zum Opfer, obwohl es ihre eigenen Straßen waren, die diese Invasion überhaupt möglich machten.

Christliche Werte bewegten die Neuankömmlinge dazu, den scheinbar endlosen Wald abzuholzen. Die Wälder, düster und böse, mussten geräumt, ausgebeutet und bevölkert werden. Die Urbevölkerung verfolgte einen anderen Zugang: Sie respektierten die Regeln der Natur, schonten sie. Sie bereisten das Land, ergriffen aber nie Besitz davon. Wir wissen alle, was passierte: Die Ureinwohner verloren den Kampf der Kulturen, weitreichende Konsequenzen waren die Folge. Regierungen haben sich mittlerweile für die Inhaftierungen entschuldigt, die im Namen der Bildung verhängt wurden. Verträge werden neu verhandelt. Die Urbevölkerung gewinnt wieder die Kontrolle über ihr Land; und die Öffentlichkeit hat sich nun dazu verpflichtet, sie zukünftig in Entscheidungen einzubeziehen - damit die neuesten Straßen, Pipelines, die Öl in den Markt bringen, in einer möglichst verträglichen Art und Weise gebaut werden können.

Gnadenlose Grenzen

Wir sind also, hoffentlich zumindest, neuerlich aufgeklärt. Die Karten der Eroberungen und der Imperien müssen neu gezeichnet werden. Sie hinterließen gnadenlose Grenzen, die Licht und Schatten trennten. Nun müssen wir uns mit den Karten der Erinnerung, der Tradition, des Instinktes und des Geistes auseinandersetzten.

In meinen Erzählungen zeichne ich Charaktere, die die Zukunft sehen: Visionäre, wenn Sie so wollen, oder Propheten. Sie sind nicht arrogant oder herablassend oder mit übersinnlichen Kräften begabt. Im Gegenteil. Sie sind Außenseiter. Im Buch "Creation" habe ich die Geschichte von John James Audubon, Vogelmaler, erzählt. Ein amerikanischer Staatsbürger, der im späten 18. Jahrhundert in der Karibik das Licht der Welt erblickte, ein Autodidakt, der nur eines kannte: Vögel. Er verfolgte sie in den Wald, saß bei ihren Nestern, zeichnete sie, als sie noch warm waren von dem Leben, welches er gerade zuvor ausgelöscht hatte, damit er ihr Wesen einfangen konnte. Und weil er Vögel so genau beobachtete, sah er von der unerforschten Küste Labradors aus "das Ende der Natur", wie er es bezeichnete. Er war ein Übergangscharakter, ein Romantiker aus dem 19. Jahrhundert in der Zeit nach der Aufklärung, der in einer Welt lebte, die noch immer von den Lehren der Aufklärung beherrscht wurde, die er niemals für sich selbst annahm.