Wissenschafter müssen ständig am Ball bleiben und in Bewegung sein, wenn sie erfolgreich sein wollen - ein bisschen wie die Person hier im Bild, im Laufrad zur Wirbelsäulentherapie. - © dpa/Armin Weigel
Wissenschafter müssen ständig am Ball bleiben und in Bewegung sein, wenn sie erfolgreich sein wollen - ein bisschen wie die Person hier im Bild, im Laufrad zur Wirbelsäulentherapie. - © dpa/Armin Weigel

"Wiener Zeitung": Sie leiten zusammen mit der Politologin Dagmar Simon das Seminar "Wissenschaftliche Exzellenz und gesellschaftliche Verantwortung" beim Forum Alpbach. Wie stehen Exzellenz und Verantwortung in der Wissenschaft zueinander?

Sabine Maasen: Exzellenz und Verantwortung werden praktisch immer getrennt voneinander diskutiert. Wir haben die ganzen Exzellenzdebatten und immer neue Förderprogramme. Es ist inzwischen global eine auf Exzellenz getrimmte Wissenschaft und Forschung, die sich zunehmend um sich selbst dreht. Auf der anderen Seite steht die soziale Verantwortung ziemlich alleine da, weil sie als isoliertes Thema betrachtet wird. Das gilt für die Forschungsförderung ebenso wie für die Ausbildung. Es stellt sich dann so dar, als ob Exzellenz, also wissenschaftlicher Erfolg, und Verantwortung einander ausschließen. Dass man Exzellenz aber nur um den Preis der Verantwortung bekommt, darf nicht wahr sein.

Die deutsche Exzellenzinitiative wird immer wieder kritisiert. Es heißt, sie dünnt den Mittelbau der Universitäten aus und dass sich alles nur noch um Publikationen in renommierten Journalen dreht. Auch die Drittmittelorientierung führt zu Geldmangel und enormem Zeitdruck. Ist da noch Platz für Reflexion und Verantwortung?

Wir müssen uns klarmachen, dass wir es jetzt mit der Generation Excellence zu tun haben. Die Postdocs von heute, die wirklich unglaublich gut ausgebildet sind, stecken im Hamsterrad der Exzellenzerzeugung. Es ist ein strukturelles Problem: Wer bei diesem Wettbewerb mitspielt, der hat praktisch keine Zeit - bereits die Doktorierenden haben keine Zeit. Das darf man nicht individualisieren, denn dann lösen wir das Problem nicht.

Von nationalen Förderungen bis hin zu EU-Programmen wie "Responsible Research and Innovation" ist "Verantwortung" aber im Moment ein großes Thema in der Forschung. Kann man vor dem Hintergrund der Ausrichtung auf Exzellenz diesem Hype glauben?

Wenn ich zynisch wäre, würde ich sagen, es bleibt einem nichts anderes übrig. Aber ich glaube tatsächlich, dass sich etwas verändert, und zwar zum Besseren. Ich glaube übrigens nicht, dass es ein Hype ist. Aber die Förderungen haben damit zu tun, dass es wissenschaftliche und technologische Entwicklungen gibt, deren Risiken und Chancen wir nicht im Vorhinein zur Gänze einschätzen können. Es ist ein gerüttelt Maß an Nichtwissen und Unsicherheit dabei. Wir müssen zugleich auch damit klarkommen, dass wir darüber keinen Konsens finden können und trotzdem entscheiden müssen, ob etwas gut ist oder nicht. Der Verantwortungsdiskurs ist allerdings nicht neu. Den gibt es im Prinzip spätestens seit den ersten Unglücksfällen mit Kernkraftwerken. Da etablierte sich erstmals eine Technikfolgenabschätzung. Das war vielleicht nicht der richtige Weg, denn man sollte eben nicht zuerst den "Karren in den Dreck fahren" und dann darüber reden.

Man hat aber auch den Eindruck, dass diese Form von Risiko-Assessment der Technikfolgenabschätzung vor allem auf Akzeptanz hinauswollte, um keinen Widerstand gegen Großtechnologien zu erzeugen. Wie ist das heute?

Die Gefahr, in das Akzeptanzeck gerückt zu werden, besteht immer. Als ich meine Professur an der TU München antrat, war es mir wichtig, klar zu vermitteln, dass ich das Munich Center for Technology in Society nicht als "Ethikbude" und Akzeptanzschmiede verstehe. Auf die bisherigen zwei Jahre zurückblickend kann ich sagen, dass es auch nicht so aufgefasst wird. Es sind auch die Technikwissenschaften selbst, die ein großes Bedürfnis haben, über ihre gesellschaftliche Rolle zu reflektieren. Auch insgesamt betrachtet gibt es heute tatsächlich den ernsthaften Versuch, vom rein technischen Risiko wegzukommen. Speziell die EU macht mit hier das Fass ganz groß auf und integriert Fragen der Gendergerechtigkeit oder der Nachhaltigkeit in ihre Programme und will die Wissens- und Technologieproduktion ernsthaft dorthin holen.

Das Problem ist, dass Formen verantwortlicher Forschung einerseits und Formen der demokratischen Verständigung andererseits in den Dingen, die sie wollen, noch nicht institutionalisiert sind, weder in der Ausbildung noch in den Institutionen. Solange das nicht passiert, bleibt Responsibility nur "nice to have", aber keine echte Verpflichtung.