In gewisser Weise ist es nur eine Frage der Zeit (und des Geldes): Im Juni haben Wissenschafter verschiedener Universitäten angekündigt, ein neues Human Genome Project starten zu wollen. HGP-Write soll das Humangenom nicht lesen, sondern es selbst schreiben. Das Projekt wird in etwa zehn Jahre in Anspruch nehmen und eine Milliarde Dollar kosten, so die Schätzung der Forscher.

HGP-Write würde es – in der Theorie – ermöglichen, menschliche Embryonen herzustellen ohne biologische Eltern, mit einer frei gewählten genetischen Ausstattung. Die Forscher, die das Forschungsvorhaben im Juni im Magazin "Science" vorstellten, sehen aktuell vor allem Anwendungen im Bereich der Xenotransplantation – wenn zum Beispiel Organe vom Schwein in den menschlichen Körper transplantiert werden – oder bei der Therapie bzw. Beseitigung von Krankheiten, die genetisch bedingt sind. Entwicklungen dieser Art werfen ganz neue soziale und politische Fragen auf. Es geht dabei nicht allein darum, was ethisch gerechtfertigt werden kann, sondern welche Art von Gesellschaft wir bereits dabei sind zu gestalten und welche Vorstellungen von Gesellschaft wir in die Entwicklung dieser neuen Technologien miteinschreiben. Das ist die Einschätzung der Wissenschaftsforscherin Ruth Müller von der Technischen Universität München, die gemeinsam mit den Molekularbiologinnen Reneé Schroeder (Universität Wien) und Karen Polizzi (Imperial College London) im Seminar "Biologische oder synthetische Evolution" die sozialen und politischen Implikationen der neuen Technologien thematisierte.

Dass aktuell überhaupt ernsthaft über ein Projekt wie HGP-Write nachgedacht werden kann, liegt unter anderem an den heutigen Möglichkeiten der Molekularbiologie. Editing-Methoden wie zum Beispiel "Crispr" können ganze DNA-Abschnitte gezielt ausschneiden, sodass sie durch andere ersetzt werden können. Das macht erstmals die Gestaltung größerer DNA-Abschnitte möglich, schließlich möglicherweise bis hin zum ganzen Genom, zumindest potenziell. Der Einsatz von Editing-Methoden in menschlichen Eizellen, Sperma oder im frühen Embryo in der Keimbahn unterliegt derzeit einem Moratorium, das von den führenden Forschungseinrichtungen in diesem Bereich in China, Großbritannien und den USA angeregt wurde. Editiert wird im Moment nicht an menschlichem Erbgut, das an andere Generationen weitergegeben wird. Aber, wie der Biochemiker Craig Venter, der das menschliche Genom zuerst sequenzierte, bereits sagte, geht es schon nicht mehr um die Frage, "ob" die Methoden auch in der Keimbahn eingesetzt werden, sondern nur noch "wann".

Auch im Bereich der Epigenetik sind große Fortschritte zu beobachten. Die Epigenetik, der Bereich der molekularen Forschung, der sich unter anderem mit den chemischen Prozessen in der Zelle beschäftigt, die für die Regulation der Gene verantwortlich sind, konnte in Mausmodellen bereits ansatzweise zeigen, dass sich bestimmte Umweltbedingungen über die epigenetischen Mechanismen in die DNA einschreiben. Dass sie sie möglicherweise verändern und über die DNA und auch über eigene biochemische Prozesse an nachfolgende Generationen weitergeben können. "Es ist ein sehr spannender Moment", sagt Ruth Müller. Und ein heikler. Gerade Technologien, die so rasant wie etwa Crispr ein offenbar großes Potenzial entwickeln, wird ein Risikodiskurs, der allein auf technologische Risiken fokussiert, nicht gerecht, argumentiert Müller: "Was ist denn, wenn wir feststellen, die Technologie ist aus technologischer Perspektive absolut sicher? Dann sind mögliche soziale und politische Risiken noch nicht adressiert. Wie wirkt sich eine Technologie auf soziale Gerechtigkeit aus? Wer wird profitieren, wer nicht teilhaben können? Auch diese Risiken müssen angesprochen werden. Deswegen ist notwendig, deliberative Prozesse zu entwickeln, in denen vorrausschauend diskutiert werden kann, wie wir Technologien einsetzen möchten. Sonst entwickelt sich eine Dynamik, die Gesellschaft und Politik mit Ergebnissen konfrontiert, auf die nur noch reagiert werden kann."

Crispr hat die molekularbiologische Entwicklung stark beschleunigt. Die Technik, die bereits in den 1980er Jahren "entdeckt" wurde, wird schon lange vor allem Bereich der Grundlagenforschung eingesetzt, um zum Beispiel Bakterien mit bestimmten genetischen Eigenschaften herzustellen. In Großbritannien forscht die Entwicklungsbiologin Kathy Niakan mit Crispr allerdings an menschlichen Embryonen. Niakan will die genetischen Veränderungen in den ersten Stadien der Zellteilung im wachsenden Embryo besser verstehen. Die Prinzipien wurden bisher nur im Mausmodell untersucht. Die Embryonen, die aus Reproduktionskliniken stammen, werden nicht älter als sieben Tage. Die Entscheidung der britischen Human Fertilisation and Embryology Authority, die Forschung zuzulassen, ist umstritten. Noch im Dezember letzten Jahres hatten Forscher und Forscherinnen weltweit ein Moratorium vereinbart, dass die Editierung von (menschlichen) Genen, die an die nächste Generation weitergegeben werden, suspendiert. Man ist sich offenbar selbst nicht ganz sicher, wohin die Reise geht oder gehen sollte. Ruth Müller berichtet, dass sie unter den Forschenden und Studierenden in der Biologie jedenfalls einen Diskussionsbedarf beobachtet. "Die Entwicklung ist für einige überraschend schnell vorangeschritten und das erzeugt den Wunsch, über mögliche Konsequenzen nachzudenken und zu diskutieren", sagt sie über ihre Eindrücke.

Crispr steht für "Clustered, regularly interspaced short palindromic repeats" und ist ein Muster abgegrenzter Abschnitte vielfach wiederholter palindromischer DNA, ebenfalls eine bestimmte Anordnung. Diese vielen palindromischen Abschnitte umschließen jeweils in den Zwischenräumen nicht-palindromische DNA-Abschnitte. Dieses Muster dient im Bakterium der Immunabwehr, denn die Zwischenräume beherbergen die DNA von Viren, mit denen der Bakterienstamm schon einmal konfrontiert war. Diese DNA hilft den Bakterien, diese Viren, sollten sie wieder auftauchen, zu erkennen, einen Schnittmechanismus in Gang zu setzen und betroffene DNA-Stücke zu reparieren. Damit wird aus dem Muster ein Instrument. Inzwischen sind auch Investoren für kommerzielle Anwendungen sehr an der Technik interessiert. "Science" berichtet von drei Start-ups in dem Bereich. "Die synthetische Biologie muss letztlich Produkte machen, die nützlich sind, die nachgefragt werden und die auch Geld bringen", sagt Reneé Schröder, Molekularbiologin an der Universität Wien, trocken. Sie hat dabei allerdings Produkte wie neue Kunststoffe usw. im Blick. Dennoch: Kommt man mit dem Nützlichkeitsargument einem Risikoverständnis näher, das dem Postgenom wirklich entspricht?

Mit dem Einsatz unter anderem von Crispr ist es in den USA bereits gelungen, die DNA einer Kuh dauerhaft so zu verändern, dass ihre Nachkommen keine Hörner mehr haben. Eine "Erfindung", die nützlich ist und auch nachgefragt werden wird (auch wenn es diese Kuh schon als Ergebnis der Züchtung gibt). Für Ruth Müller ist diese Kuh und die Argumentation der Nützlichkeit ein Beispiel dafür, dass ein Diskurs, der nur auf technologische Machbarkeit und Sicherheit fokussiert, nicht ausreicht. "Diese Kuh ohne Hörner ist nützlich im Hinblick auf eine industrielle Landwirtschaft mit Massentierhaltung. Diese spezifische Form der Landwirtschaft ist bei der Entwicklung dieser genetischen Modifikation bereits mitgedacht." Dies ist der Punkt, an dem es für Ruth Müller interessant wird. Geht es bei der hornlosen Kuh um die Optimierung eines Nutztiers und damit implizit um eine Perpetuierung des Status quo nur auf einem höheren technologischen Niveau? "Neue Technologien beinhalten immer eine Vorstellung davon, was gut ist und nützlich. Diese Vorstellungen müssen in einem gesellschaftlichen Diskurs sichtbar gemacht und ausverhandelt werden. Letztlich geht es darum, wie wir denn eigentlich leben wollen."

Die Crux daran: Gesellschaftliche Normen, Werte, Wünsche und auch Ziele bleiben zumeist implizit und unsichtbar irgendwo in der Technologie verborgen, sie werden zu einem Teil der sozialen Praxis im Umgang mit den Technologien. Ruth Müller nennt ein Beispiel aus dem Bereich Public Health: Die Epigenetik konnte im Mausmodell zeigen, dass metabolische Risiken wie etwa Diabetes oder Übergewicht durch das Übergewicht der Mutter während der Schwangerschaft geprägt werden können. Übergewicht, so könnte man es verkürzt sagen, ist plötzlich vererbbar. "Damit entsteht eine ganz neue Temporalisierung von Risiken", sagt Ruth Müller. Wenn das Übergewicht bereits während der Schwangerschaft entsteht, wer ist dann verantwortlich für die gesundheitlichen Folgen? Wenn die Ernährung der Großelterngeneration die Gesundheit der Enkel bestimmt, wie stellt man Gerechtigkeit her? Ruth Müller sieht neue Spannungen am Horizont, die aber bislang nicht im gesellschaftlichen Diskurs aufgelöst werden: "Es stellt sich die Frage neu, was als verantwortliches Handeln gelten kann." Eine mögliche Entwicklung könnte aus ihrer Sicht sein, dass bereits bestehende gesellschaftliche Tendenzen zur Individualisierung von Risiko und Verantwortung gestärkt werden – das Individuum ist schließlich nun nicht nur für sich und seine Gesundheit verantwortlich, sondern auch für die der Kinder und Enkel.

Allerdings, so könnte man es auch sehen, hat die Epigenetik intrinsisch zumindest das Potenzial, Individualisierungstendenzen gegenzusteuern, macht sie doch sichtbar, dass es zum Beispiel gesellschaftliche Einflussfaktoren auf die Gesundheit gibt, die nicht im Einflussbereich des Individuums liegen, wie etwa soziale Ungleichheit.

"Diese Fragen verstärkt zu diskutieren, wäre überaus wichtig. Dazu braucht es auch einen intensiveren Dialog zwischen den Disziplinen", sagt Ruth Müller. Die Epigenetik ist in diesem Sinne eine Chance: "Sie bietet ein Möglichkeitsfenster zur interdisziplinären Zusammenarbeit zwischen Sozial- und Biowissenschaften. Diese Chancen zu nutzen ist eine wichtige Basis für konstruktive Debatten in Gesellschaft und Politik."