Wien. Die ländliche Idylle hat ausgedient. Wer etwas werden will, der geht in die Stadt. Kurze Wege, ein reiches Kulturangebot und diverse Bildungs- und Jobmöglichkeiten machen die Ballungszentren der Welt zum angesagtesten Lebensraum der Zukunft.

Bereits heute wohnt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Geht es mit der Entwicklung in derselben Richtung weiter, werden es bald noch viel mehr sein. Die meisten Prognosen gehen davon aus, dass der Trend der Landflucht anhalten wird und das 21. Jahrhundert als urbanes Zeitalter in die Geschichte eingehen wird. Im Vergleich zum Jahr 1950, als 309 Millionen Menschen in Städten lebten, werden es im Jahr 2030 rund 3,09 Milliarden sein. Die Vereinten Nationen schätzen zudem, dass bis 2050 80 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben werden.

Migranten sind Impulsgeber und Gestalter

Steigende Immobilienpreise und immer kleinere Wohneinheiten sind die ersten spürbaren Auswirkungen der Völkerwanderung. Doch auch höhere Wohnungspreise stoppen diese Entwicklung nicht. Die Landwirtschaft ist für viele Menschen nicht mehr lebenserhaltend.

Hongkong gehört weltweit zu den einflussreichsten Städten. - © Vasari
Hongkong gehört weltweit zu den einflussreichsten Städten. - © Vasari

Auch wenn die Stadtviertel für die Neuankömmlinge nicht mit Gold gepflastert sind, so offenbaren Städte mehr Möglichkeiten und Chancen. Denn Migranten sind keine passiven Opfer, sie sind vielmehr die Gestalter und Impulsgeber für ihre neue Umgebung, schreibt Doug Saunders in seinem preisgekrönten Buch "Arrival City".

Migranten seien der Antrieb der Städte und gekommen, um ihren Lebensstandard zu verbessern, sie sind strebsam und bringen Unternehmergeist mit. Jenen, die sich vor Migranten fürchten, sagt Saunders, dass Städte die Fähigkeiten, die Energie und die Arbeitskraft dringend benötigen würden, um zu überleben.

Angekommen in der Mittelschicht

In erstaunlich vielen Fällen würde den Nachkommen von Migranten innerhalb von einer oder zwei Generationen der Aufstieg in die städtische Mittelschicht gelingen, selbst wenn ein beträchtlicher Teil von ihnen zuvor völlig besitzlos war. Angekommen in der Mittelschicht schaffen sie auch neue Arbeitsplätze und zahlen Steuern.

Schon immer übten Städte eine hohe Anziehungskraft auf die Menschheit aus. Doch warum hat sich die Entwicklung nun beschleunigt?

Ein wichtiger Faktor ist die voranschreitende Globalisierung. Die Ausstrahlung von Städten beschränkt sich nicht mehr nur auf ihr Hinterland. Vielmehr stehen sie heute in Konkurrenz und im Austausch zu anderen Metropolen. So wird etwa die Eindämmung des Klimawandels nicht mehr vordergründig durch Staaten vorangetrieben, sondern durch Städte. Sie sind schließlich auch am stärksten betroffen von Feinstaubbelastungen durch erhöhtes Verkehrsaufkommen und Industrie-Emissionen.

Die Städte liefern den Staaten konkrete Maßnahmen. Fahrverbote für Autos, um den CO2-Ausstoß zu senken, werden zuerst in Städten durchgesetzt. In Deutschland gibt es bereits in über 50 Städten Umweltzonen, auch in Wien wird darüber bereits nachgedacht. In Paris bekommen Fahrzeuge mit zu hohen Emissionen keine Plakette, ebenso wie Autos, die älter als 20 Jahre sind. Strenge Regeln gibt es ab Oktober auch in London. Dann kostet es knapp zwölf Euro, mit einem Auto, das die EU-Abgasvorschriften nicht einhält, in die Metropole zu fahren.

Die Urbanisierung des Planeten wirkt sich auch auf die politischen Kräfteverhältnisse aus. Was der Historiker Lewis Mumford einst als "größte Errungenschaft der Zivilisation" gepriesen hat, die Erfindung der Stadt, ist auf dem Weg, die Macht der Länder zu minimieren. Es gibt bereits Städte, deren volkswirtschaftliche Potenz die Möglichkeiten ganzer Nationalstaaten überstrahlt. Mit der Dynamik in Städten können diese immer seltener mithalten.

Ambitionierter
als Staaten

Städte nehmen Trends schneller wahr und tragen diese in die ganze Welt hinaus. So spielen sie bei der Jobbeschaffung eine wichtige Rolle. "Strategien für ganze Nationalstaaten sind der falsche Weg. Wir müssen uns den lokalen Arbeitsmarkt ansehen und nicht ein ganzes Land. Das bringt nichts", sagt Eurocities-Chefin Anna Lisa Boni. Zudem würden Länder vor allem an sich denken. "Städte sind da viel kooperativer und offener. Sie sind empfänglich für die Zusammenarbeit mit anderen Städten. Sie sind auch viel ambitionierter als die Mitgliedsstaaten."

In der Europäischen Union fordern Städte nun mehr Entscheidungskompetenz. Vor vier Jahren verabschiedeten 20 Vertreter europäischer Hauptstädte bereits die "Wiener Deklaration". Das Ziel: die städtische Dimension in allen relevanten Entscheidungsprozessen in der EU zu verankern. So fordern die Hauptstädte, dass mehr Expertengruppen aus ihrem Bereich in der EU-Kommission vertreten sind. Politisch gewählte Städte-Vertreter sollten zudem ein Rederecht im EU-Parlament bekommen, um sich mehr Gehör verschaffen zu können.

Und was den finanziellen Handlungsspielraum der Städte betrifft, so wünscht man sich flexiblere Regelungen, um öffentliche Investitionen für die Schaffung von Arbeitsplätzen zu fördern. Darunter die Möglichkeit, nachhaltige Investitionen - etwa im Bereich Bildung, Forschung, öffentlicher Verkehr und Gesundheit - aus der Verschuldung herausrechnen zu dürfen.