Am reaktiven Ende betrauern Bauern im Weinviertel ihre vertrockneten Maisfelder. Genetiker wollen mit hitzeresistenten Zuchtpflanzen abhelfen, die auch Hungersnöte in Dürregebieten stillen könnten. Neue Gewächse rufen die Artenschützer auf den Plan, die erstens alte Kulturen retten wollen und zweitens ohnehin jede Menge invasive Arten verzeichnen, denen die Erderwärmung neue Lebensräume bietet. Neue Arten bringen auch neue Krankheiten. Daher bastelt die Pharmazie an immer mehr Impfungen und Medikamenten gegen tropische Seuchen, damit diese sich nicht zu Pandemien auswachsen. Unterdessen grübeln Ernährungswissenschafter, wie sie die Welternährung sichern sollen, wenn die emissionsintensive Fleischindustrie zurückgeschraubt wird. Klimaschutz ist überall drin. Aber es gibt kein politisch-wirtschaftliches Gesamtkonzept, um den Klimawandel zu stoppen.

Aerosole zählen zu jenen Partikeln, die die ganze Misere verursachen. Bei Konzentrationen von 10.000 Teilchen pro Kubikzentimeter Luft können auch sie das Klima beeinflussen. "Während der Hitzewelle im Sommer hatten Staubteilchen aus der Sahara in unserer Luft, bei Waldbränden gibt es Rußpartikel, bei Vulkanausbrüchen Asche. Alle Partikel sind klimawirksam, denn sie bilden Hindernisse für die Sonnenstrahlen", sagt Bernadett Weinzierl, Professorin für Aerosol- und Clusterphysik an der Fakultät für Physik der Universität Wien. Beim Europäischen Forum Alpbach leitet sie zusammen mit Gernot Wagner das Seminar "Physik trifft auf Ökonomie - Klimaforschung und Politik". Die Teilnehmenden sollen ein Gefühl für die Komplexität der Klimaforschung entwickeln können.

Vom Menschen erzeugte Emissionen führen zu Konzentrationssteigerungen von Aerosolen in der Luft. Das Ergebnis ist Smog, der den Strahlungshaushalt der Erde beeinflussen kann. Bodennahe Aerosolpartikel können die Sonnenstrahlen reflektieren - und die Oberflächentemperatur senken. In der Troposphäre sorgen Rußpartikel dagegen für einen Temperaturanstieg, da sie das Sonnenlicht aufnehmen und Wärmestrahlung abgeben. "Nur wenn wir die Luft säubern und die Partikel nicht mehr emittieren, können wir zu normalen Temperaturen zurückkehren", so Weinzierl.

Schleier im All soll Erde kühlen

Je mehr fossile Energien ein Land verbraucht, desto schwieriger wird es, davon wieder wegzukommen. Mächtige Lobbies wollen Kohle im Energiemix. Beispiel Nummer 1: Kohlekraftwerke erzeugen 80 Prozent des Stroms in Indien, dessen Großstädte große Probleme mit Smog haben. Ein Ende davon würde aber die indischen Banken ruinieren, die die Stromwirtschaft finanzierten, und die indische Bahn still stehen lassen. Beispiel Nummer 2: In China fahren eine Million Elektroautos mit Strom aus Netzen, die sich aus Kohlekraftwerken speisen.

Um die Pariser Klimaziele umzusetzen, besteuern zahlreiche jener 70 Länder, die ein Fünftel der weltweiten Emissionen verantworten, mittlerweile CO2. Techniker werken an stabilen Netzen für Wind- und Sonnenstrom und erfinden Nullemissionsstahl oder sogar CO2-negativen Stahl. Wissenschafter wie Gernot Wagner wollen sogar das Sonnelicht in den Weltraum zurückreflektieren: Ein künstlicher Schleier in der Atmosphäre soll die Erde kühlen.

In der Landwirtschaft würde das die Probleme allerdings nur verlagern, betont Wagner. "Forschung, Industrie, Infrastruktur und Politik müssen das System Erde gemeinsam in die richtigen Bahnen lenken. Am Ende wird das einzige Mittel sein, alle Produkte, deren Erzeugung CO2 verursacht, zu verteuern. Die Wirtschaft reagiert nur auf Angebot und Nachfrage." Dann wäre der Preis eines Autos davon abhängig, mit welchem Strom es fährt.