Worte sind an sich schon ein Kompromiss, eine Einschränkung. Und Sprache daher immer ein Verlust. Sie fungiert dem Menschen als Mittler, als Bindeglied zueinander. Was er über den Umweg Sprache verliert, ist die Unmittelbarkeit in der Begegnung mit der Welt. Denn auch das Denken selbst organisiert sich in Wort-Kategorien. Und was so ein Wort für fein voneinander abweichende Bedeutungsnuancen in sich versammeln kann, das variiert schon innerhalb einer Sprache je nach Region und Sprecher. Ist die gesprochene Sprache dabei nicht die eigene Muttersprache, tauchen mehr Quellen für Missverständnisse auf. Doch was braucht es, damit Kommunikation funktioniert? Und wem gehört die Sprache, die dafür benutzt wird? Den jeweiligen Muttersprachlern oder allen, die sie anwenden?

Barbara Seidlhofer ist Professorin für englische Sprachwissenschaft und Vorständin des Institutes für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Die von ihr begründete Forschungsrichtung widmet sich dem Englischen als Lingua Franca. Beim Europäischen Forum Alpbach spricht sie beim Seminar "Sprachliche Vielfalt: Eine Ressource für individuelle und gemeinschaftliche Resilienz". - © privat
Barbara Seidlhofer ist Professorin für englische Sprachwissenschaft und Vorständin des Institutes für Anglistik und Amerikanistik der Universität Wien. Die von ihr begründete Forschungsrichtung widmet sich dem Englischen als Lingua Franca. Beim Europäischen Forum Alpbach spricht sie beim Seminar "Sprachliche Vielfalt: Eine Ressource für individuelle und gemeinschaftliche Resilienz". - © privat

Die in Wien lehrende Anglistin Barbara Seidlhofer hat sich mit diesen Fragen beschäftigt. Als erste Forscherin hat sie sich in diesem Zusammenhang mit dem Englischen als Verkehrssprache beschäftigt. Und ist dabei anfänglich auf Naserümpfen von Kollegen gestoßen, denen die aus ihrer Sicht provisorische und unvollständige Variante von Sprache nicht als Forschungsinhalt geeignet schien. Mittlerweile erfährt die Sprachwissenschafterin international Anerkennung für das von ihr initiierte Forschungsgebiet. Welche Rolle Sprache in der sich durch stete Migration und fortschreitende Digitalisierung radikal veränderten Gegenwart spielen kann, wird Seidlhofer auch beim Forum Alpbach in einem Workshop erarbeiten.

Sie wolle einem "schlechten und heruntergekommenen Englisch das Wort reden", wurden ihre ersten Vorstöße in ihr Forschungsfeld angefeindet - vor allem von akademischen Muttersprachlern, bei denen es mehr darum ging, wie "schön und hübsch", also wie komplex gebaut und exakt ausgesprochen das Englisch des Gegenübers sei, und weniger darum, worum es inhaltlich ging.

Warum gerade das Englische sich auch abseits der Universitäten in vielen Teilen der Welt als Verkehrssprache durchgesetzt hat, dafür sieht Seidlhofer keine innersprachlichen Gründe. Keine leicht zu vereinfachende Grammatik sei der Grund, sondern die wirtschaftliche Macht der USA und die positive Rolle nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Vorherrschaft der Sprache sieht Seidlhofer dabei als Begleitphänomen. Das könne sich mit den globalen wirtschaftlichen Verschiebungen auch jederzeit ändern: "Wenn in zehn Jahren die Chinesen eine derartige Vormachtstellung haben, dann werden wir eben alle Chinesisch lernen."

Die These, dass das Englische durch den Brexit an Bedeutung als Verkehrssprache innerhalb der EU verlieren könnte und andre Sprachen wie etwa das Französische eine Renaissance erleben könnten, unterstützt Seidlhofer nicht vorbehaltlos: "Das wird auch in eine andere Richtung diskutiert. Dahingehend, dass man dann mit Englisch eine quasi neutrale Sprache zur Verfügung hat, die nicht mit den Interessen eines mächtigen Mitgliedsstaates beladen ist. Dieses Argument spricht sogar für eine Verfestigung des Englischen als Verkehrssprache in der EU."