Es gibt auch für Pflege eigene Parameter zur Bemessung der Wertschöpfung. In diesen macht Pflegearbeit einen ziemlich großen Anteil der gesamten Wertschöpfung eines Landes aus. Ich halte es für eine gute Idee, das in die gängige BIP-Berechnung aufzunehmen. Es würde die klassischen Anomalitäten abschaffen. Ein stereotypes Beispiel: Wenn ein Mann seine Haushälterin heiratet, sinkt das Bruttoinlandsprodukt, da er sie wahrscheinlich für ihre Arbeit nicht mehr bezahlt. Unbezahlte Arbeit in die Berechnung der Wertschöpfung einzubeziehen würde das korrigieren.

Inwiefern profitieren wir volkswirtschaftlich, wenn wir mehr für Pflege aufwenden?

Es gibt Studien, die zeigen, dass wenn nur zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Pflege investiert werden, insgesamt die Beschäftigungsrate ansteigt, das Wirtschaftswachstum zunimmt, und sogar die geschlechtsspezifische Diskrepanz bei der Beschäftigung reduziert wird. Nach einiger Zeit würde sich die Investition in die Pflege auch merkbar in volkswirtschaftlichen Größen auszahlen.

In wirtschaftlich schlechten Zeiten gilt die Devise, öffentliches Geld in die Infrastruktur zu investieren, also oft klassisch in Straßen, Brücken und dergleichen . . .

Die positiven Effekte auf Wirtschaft und Gesellschaft wären bei einer Investition in die Pflege größer, als wenn man denselben Betrag in die Bauwirtschaft investiert. Das keynesianische Argument lautet: öffentliches Geld in die Wirtschaft zu investieren, um das Wachstum anzutreiben. Ich selbst war bei einer Studie der "Women’s Budget Group" dabei Unser Netzwerk beleuchtet Regierungspolitik aus einer Geschlechterperspektive. Wir untersuchten für den internationalen Gewerkschaftsbund einige OECD-Länder und Entwicklungsländer. Dabei konnten wir zeigen, dass das Geld in der Sozialfürsorge, in die sogenannte soziale Infrastruktur, mehr bringt.

Ein wichtiger Punkt der Ungleichheit von Mann und Frau ist die Verteilung beziehungsweise Aufteilung der Arbeit. Warum ist das noch immer so?

Es ist schwierig zu erklären, warum nach wie vor diese Trennung herrscht - vor allem in westlichen Gesellschaften, wo es offiziell keine kulturellen Grenzen gibt. Was hält also Frauen davon ab, auf dem Bau zu arbeiten oder Männer, Erzieher zu werden? Es gibt natürlich einige weibliche Bauarbeiter und einige männliche Erzieher, aber nicht viele. Dafür gibt es zwei Gründe: Menschen denken nicht darüber nach, einen Beruf zu ergreifen, in dem sie nie jemanden wie sie selbst gesehen haben. In der Kinderliteratur etwa ist der Arzt meist ein Mann und die Frau eine Krankenschwester. Das ändert sich zwar langsam - aber nicht so sehr, wie man zu hoffen meint. Eine kleine qualitative britische Studie hat sich Männer angeschaut, die nach dem Schließen der Kohlebergwerke in die Pflege gegangen sind. Interessant war: Zum einen gingen sie vorwiegend in einen Bereich, wo physische Stärke manchmal von Nöten war, etwa in die Psychiatrie. Das hat sich dann wieder mit ihrem männlichen Selbstverständnis gedeckt. Zum anderen tendierten sie dazu, in der Hierarchie rasch aufzusteigen. Sie wurden etwa Pflegedienstleiter.