Nichts. Einfach nichts. Und doch ist da sehr viel: Fünf Performer und eine Menge Zuseher. Dennoch ist der Performer überzeugt: Da ist nichts, aber darin können wir etwa schwimmen oder eintauchen. Und auch tanzen. So sagt er’s dem Publikum.

Als Experiment bezeichnet der belgische Starchoreograf Wim Vandekeybus seine Performance "Go Figure Out Yourself", die beim zurzeit stattfindenden Impulstanz-Festival in den Mumok Hofstallungen gezeigt wird. Ein Experiment, das manipulativ seine Zuseher führt und keinerlei Grenzen zwischen Akteuren und Betrachtern zulässt. Sofern man diese nicht selbst zieht. Nun: Performances der jüngeren Generation, die eben die Guckkasten-Betrachtungsweise aufheben, gibt es unzählige. Dass hingegen viele Zuseher zu Marionetten der Performer werden, ist wohl eher eine Seltenheit. So zwingt Vandekeybus quasi zur Selbstreflexion - folgerichtig dem Titel des Stücks entsprechend. Einmal mehr vereint der Choreograf fünf außergewöhnlich Performer (Sadé Alleyne, Maria Kolegova, Hugh Stanier, Kit King und Tim Bogaerts) zu einem Ensemble, das Akrobatik, Tanz und Schauspiel auf höchstem Niveau zeigt: In fünf Gruppen teilt sich das Publikum - mehr oder weniger freiwillig -, hört scheinbar persönliche Geschichten, um dann sanft wieder zusammengeführt zu werden. Immer wieder suchen und finden die Performer Zuseher, die sie involvieren, um die sie tänzeln. Manch Ambitionierter versucht dann auch, tänzerisch mithalten zu können. Berührungsängste und das "Im-Rampenlicht-Stehen" sind kein Thema beim aufgeschlossenen Impulstanz-Publikum. Wenige suchen den Schutz der Wände. Vor einigen Jahren wäre diese Partizipation noch unvorstellbar gewesen.

Vielmehr gelingt es Vandekeybus und seinen Performern, ein flüssiges Konvolut zu formen, das sich mit dem "Nothing", also dem Nichts, beschäftigt. Bis schließlich ein kleiner charismatischer und äußerst überzeugender "Führer" auf ein hohes schwarzes Podest springt. Und mit vollem Körpereinsatz gegen das Nichts aufhetzt: "Es gibt keinen Führer ohne Soldaten!", beschwört er. "Ihr seid meine Armee" - und meint damit die Zuseher, die, vor dem Podest versammelt, auf ihn wortwörtlich aufblicken. Mitmachen oder sich widersetzen? Eine verbale Revolte eines Zusehers wird scharf und kurz abgewürgt. In Kompanien geteilt, stürzt man sich mit Kampfschrei gegen das Nichts. Und überrennt dabei einen Performer, der zitternd am Boden liegen bleibt. Fragende Blicke in einem kurzen Moment der Unsicherheit, ob hier nicht jemand verletzt wurde, werden aber im richtigen Timing von Vandekeybus mit Humor wieder aufgelöst - öffentlich bloßgestellt wird bei dieser Performance niemand. Sie hinterlässt jedoch viele offene Fragen, die nur jeder Zuseher für sich selbst beantworten kann. Und das auch sollte.