Ko Murobushi gilt als einer der radikalsten Minimalisten der Butoh-Tanzkunst. - © Laurent Ziegler
Ko Murobushi gilt als einer der radikalsten Minimalisten der Butoh-Tanzkunst. - © Laurent Ziegler

Wien. Als Kind lebte er an der japanischen Küste und machte dort zwei elementare Erfahrungen: Einige Male wäre er fast ertrunken. Und einige Male schwemmte das Wasser die Körper von Ertrunkenen an Land. "Im Versuch zu sterben", schreibt Ko Murobushi heute, "begann ich zu tanzen." Er ist heute einer der bedeutendsten Vertreter des Butoh, einer experimentellen Form des Tanztheaters, die ohne feste Erzählung auskommt. Ko Murobushi im Interview über die Suche nach dem Neuen, die Verwirrung von Publikum und über den Verrat an dieser Experimentellen Form des Tanztheaters.

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Wiener Zeitung: Was war Ihre Motivation, Ende der 60er Jahre Butoh zu studieren?

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Ko Murobushi: Ich war an Kunst interessiert und am Körper. Und an der radikalen Aufgabe, bei mir selbst zu bleiben.

Butoh hat sich seither weiterentwickelt, hat neue Formen angenommen. Trifft die Bezeichnung "Tanz der Finsternis" heute noch zu?

Die Bedeutung des Wortes Finsternis hat sich geändert. Mit dem Körper zum Beispiel kann man heute viel mehr machen, als noch vor 50 Jahren. Heute kann man den Körper fast wie eine Maschine betrachten – man kann Körperteile austauschen oder das Geschlecht ändern. Die dunklen, unbekannten Seiten des Körpers sind weniger geworden.

Frauen spielen im traditionellen japanischen Tanz, vor allem im Noh- und Kabuki-Theater, die Rolle der Protagonistin und der Zuseherin: gespielt werden sie heute noch von Männern. Waren Tänzerinnen von Anfang an dabei oder mussten sie darum kämpfen?

Zwar hatte [Butoh-Mitbegründer] Hijikata auch männliche Gruppen organisiert,  aber Männer und Frauen haben von Anfang an zusammen getanzt. Und später organisierten Frauen auch ihre eigenen Butoh Gruppen.

Butoh wird im Westen meist mit Hiroshima und Nagasaki in Verbindung gebracht. Inwieweit ist diese Zuordnung gültig?

Natürlich haben der japanische Imperialismus und Faschismus und die Katastrophen die sie angerichtet haben,  Butoh beeinflusst. Aber das ist aber nur eine sehr leichte Version seiner  Entstehung. Die Ursprünge von Butoh gehen vor allem auf avantgardistische Strömungen in Europa, vor allem auf den deutschen Expressionismus der 30er Jahre zurück. Vor allem Kazuo Ohno war vom "Neuen Tanz" in Deutschland beeinflusst.