Ko Murobushi beim Impulstanz-Workshop im Juli 2014. - © Janine Schranz
Ko Murobushi beim Impulstanz-Workshop im Juli 2014. - © Janine Schranz

Wien. Ko Murobushi klatscht in die Hände und ich kippe, einen Todesschrei ausstoßend, steif wie ein Brett nach vorne. Meine Handflächen schnalzen auf den harten Boden und ich lande in der Liegestützposition. Wer hätte gedacht, dass ich mich bei meinem Freitod so lebendig fühle. Ob der Suizid "schön und grotesk" anzusehen war, wie es der Butoh-Meister angeordnet hatte, weiß ich nicht, und es bleibt auch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen: "Look from your grave", sagt Murobushi in japanisch gefärbtem Englisch. Mein Blick trifft den einer Kursteilnehmerin ein Grab weiter.

Ich befinde mich in einem Kurs des Impulstanz-Festivals, Ko Murobushi - einer der wichtigsten Butoh-Künstler unserer Zeit - unterrichtet höchstpersönlich. Todesmotive sind fixer Bestandteil der japanischen Tanzform, die in den 1950er Jahren von Tatsumi Hijkata und Kazuro Ono ins Leben gerufen wurde. Seine Entstehung geht auf den Avantgardismus in Europa, und dabei vor allem auf den deutschen Expressionismus der 1930er Jahre zurück, war immer auch politisch und gegen die Amerikanisierung der japanischen Kultur und gegen die Atombombe gerichtet. Heute sagt Murobushi, der einzige noch lebende Schüler Hijikatas, die Bedeutung von Butoh habe sich verändert, und er will Neues schaffen: "Ich will mit Butoh aufhören. Es ist nicht mehr notwendig, der Tradition zu folgen."

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Transformation ist auch das Thema, das sich wie ein roter Faden durch den fünftägigen Workshop zieht. Wir erstarren zu Eis, schmelzen und werden zu Wasser; uns wachsen Krallen, wir verwandeln uns in Flügel schwingende Adler. Der Körper passt sich schnell an: anfängliches Schwindelgefühl verschwindet, um die eigene Achse kreisend wiegen wir uns in Trance. Weitere Konstanten: langsame, präzise ausgeführte Bewegungen, die, einmal einstudiert, im High-Speed durchgeführt werden. Erst kippt der Nacken zur Seite, das rechte Knie beugt sich, bis der Handrücken den Boden berührt, der Unterarm folgt. Die Hüfte bleibt in der Luft, im nächsten Moment liegen wir wie Käfer auf dem Rücken, die Arme weit auseinandergestreckt. Auf Murobushis Kommando - er klatscht in die Hände und ruft: "Kakerlake!" - springen wir in einem Satz in den aufrechten Stand, durch den Hals eingesogene Luft klingt wie ein "Ha" und erfüllt den ganzen Raum. Arme und Beine sind unter Hochspannung, Murobushi begutachtet die vor Schock erstarrten Gesichter und versteinerten Posen und kichert.