Wien. Mainstream ist ihm verhasst. Lloyd Newson geht mit seinem 1986 gegründeten Ensemble DV8 Physical Theatre London einen hybriden Weg der Performance: Mit der Verbindung von Texten und Bewegungen kreiert der Australier gesellschaftlich engagierte und physisch packende Werke, für die er unter anderem einen Emmy erhielt. Heute, Dienstag, präsentiert er im Rahmen des Impulstanz-Festivals die Uraufführung "John". Ein Gespräch mit dem Tanzschaffenden über Religion, Sex und Männer sowie Ballett.

Männer zwischen Sprache und Bewegung. - © K. Rozental
Männer zwischen Sprache und Bewegung. - © K. Rozental

"Wiener Zeitung":Sie arbeiten seit 2007 mit dem gesprochenen Wort. Was hat Sie dazu bewogen, es in Ihre Performances einzubauen? Reichte Ihnen Bewegung alleine nicht?

Lloyd Newson: Ich würde sagen, wir investieren in Bewegung genauso viel Zeit wie in die Arbeit mit Texten. Wir sind auf jeden Fall eine auf Bewegung und Sprache basierende Kompagnie.

Texte und Bewegung: Wer verstärkt oder kontrastiert hier wen?

Sie sind beide gleich wichtig. Doch die Performer, die für mich arbeiten, sind im Training befindliche Tänzer. Sehr technisch starke Tänzer. Für das neue Stück wollte ich fünf männliche Tänzer, 600 hab ich mir angesehen. Das zeigt die Qualität jener fünf, die ich schließlich gewählt habe. Aber sie müssen nicht nur Tänzer sein, sondern ebenso fähig sein, Texte zu vermitteln, zu spielen. Auch hier erwarte ich mir ein hohes Niveau. Meine Anforderungen an meine Performer impliziert schon das Verhältnis zwischen Sprache und Bewegung. Im realen Leben bewegen wir uns und sprechen. Und manchmal sieht man sich dann Tanzstücke an, und ich denke mir: Warum machen die den Mund nicht auf!

Vieles ist ja auch schwer mit Tanz und Geste auszudrücken.

Ja, richtig. Zeigen Sie mir, wie man in Bewegung den einfachen Satz darstellt: Das ist meine Schwester. Das ist extrem kompliziert. So, warum sagt man das nicht und fährt dann mit der Bewegung fort? Auch wenn man komplizierte Themen verarbeitet, ist die Sprache unerlässlich. Wie etwa in unserem letzten Werk "Can We Talk About This?": Wenn man über Religion spricht, die auf einem sakralen Text basiert, dann muss man sich natürlich mit diesem Text auseinandersetzen. Manche Menschen glauben, dass der fundamentalistische Islam auf Worten basiert, die als Basis ihrer Handlungsweise dienen. Es gibt keine Gesellschaft auf dieser Welt, die nicht Wörter verwendet. Also lasst uns sprechen und tanzen. Wenn eine Gesellschaft nur spricht und sich nicht bewegt, so ist sie nicht gesund. Die Taliban etwa wollen keine Menschen, die tanzen. Das ist ein gutes Beispiel dafür, was aus einer Gesellschaft werden kann, wenn sie sich nicht bewegt. So aggressiv kann dann ein Regime werden.

Ihr Stück "John" wird bei Impulstanz uraufgeführt. Worum geht es?

DV8 wurde 1986 gegründet und es gab einen sehr leidenschaftlichen Tänzer in unserem Ensemble, der erst kürzlich an Magenkrebs verstarb. Er war ein echter Maverick oder Renegade. Wissen Sie, was ich damit meine?

Einen Einzelgänger?

Ja, er war kein Mainstream-Tänzer, noch war er in seinen Ansichten mainstreamorientiert, er hatte radikale Meinungen über das Leben an sich. Das machte ihn faszinierend und interessant. Als er starb, war ich ziemlich deprimiert, denn er hat so hart gearbeitet und seine Arbeit wurde nicht so anerkannt, wie er es sich verdient hätte. Das brachte mich ins Nachdenken über den Mainstream und der Gedanke, wenn ich das machen müsste . . . Es würde für mich keinen Grund mehr geben, weiterzumachen. Es gibt hunderte "Dornröschen" und "Schwanensee" dort draußen, die höllisch langweilig sind, aber die immer noch die Theater füllen. Denn die Menschen glauben, dass sie ins Theater gehen sollten.

Das klingt, als hätten Sie etwas gegen Ballett.

Ganz ehrlich, die Choreografie dieser Stücke ist simpel und oft einfach nur stupid: Warum macht man drei Pirouetten, wenn man verärgert ist oder wenn man verliebt ist? Und wenn man stirbt, dreht man auch noch drei Pirouetten, schwankt ein wenig und fällt um. Die Ausdrucksmöglichkeiten für technisch gute Tänzer sind in diesen Stücken sehr limitiert. Wir haben diese Einschränkungen nicht. Wir trainieren jede Art von Tanz, die notwendig ist, damit wir ausdrücken können, was wir sagen wollen - dazu zählt auch klassischer Tanz.

Kehren wir zu "John" zurück.

Ach ja. Danke (lacht). Er starb also, und ich trauerte neun Monate und in dieser Zeit besuchte ich eine gute Freundin, eine Muslimin, die sich verliebt hatte. Und da wurden mir die positiven Dinge über meinen verstorbenen Freund bewusst, wie, dass ich ihn sehr liebte. Da begann ich über Liebe, Männer und Liebe, Sex nachzudenken. Ich entschied mich, dass ich Männer zu diesen Themen interviewen wollte. Das war der Ausgangspunkt. Was dann herauskam, waren gigantisch viele Aspekte. Ein Mann, den wir interviewten, hieß John und hatte einen wirklich komplizierten Background mit einer kriminellen Vergangenheit. Er versucht sein Leben zu verändern, er spricht über seine vielen Frauen, deren Namen immer mit a endeten. Das ist amüsant. Er spricht auch über seine Drogenerfahrungen. Das Stück basiert auf seiner Geschichte, aber als wir mit ihm sprachen, passierte etwas Unerwartetes in seinem Leben.