Sie sind beide gebürtige Belgier und Stars der Tanztheater-Szene. Und sie sind Stammgäste beim Impulstanz-Festival. Das war’s dann auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Denn ihre choreografischen Arbeiten und Herangehensweisen könnten nicht unterschiedlicher sein: Anne Teresa de Keersmaeker und Wim Vandekeybus. Aber am Wochenende wurde noch ein weiteres verbindendes Element sichtbar, nämlich die Auseinandersetzung mit dem Mannsein.

Ungewohnt war es, de Keersmaekers Stimme zu hören. Dabei begann ihr jüngstes Werk, "Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke", auf vorerst gewohnte Art: Grau in Grau und in schweren Schuhen performen Michaël Pomero und de Keersmaeker, begleitet von Flötistin Chryssi Dimitriou mit der Musik von Salvatore Sciarrino. Pomero und de Keersmaeker berühren einander nie, bewegen sich synchron - und brechen diese Parallelität immer wieder mithilfe des so typischen Bewegungsrepertoires der Choreografin auf. Dann nimmt die Dynamik zu, und es folgt ein plötzlicher Stillstand: De Keersmaeker beginnt Rainer Maria Rilkes Prosagedicht zu rezitieren, das im Hintergrund projiziert wird. Die Worte werden zur Musik ihrer Bewegungen - oder sind es ihre Bewegungen, die den Text verkörpern?

Liebe, Krieg und Tierisches

Es ist ein filigranes Zusammenspiel von Musik, Tanz und Lyrik über die letzten Tage im Leben des jungen Cornets Christoph Rilke, der im 17. Jahrhundert nach einer Liebesnacht gegen die Türken zieht. De Keersmaeker spricht in klarem Deutsch mit feien Nuancen in den Betonungen. Faszinierend ist ihre Bühnenpräsenz und diese genreübergreifende Performance im Generellen. Denn nicht nur die Umsetzung auf der Bühne ist beachtenswert, sondern auch die Auseinandersetzung mit Geschlechterverhältnissen. Dazu zählt auch ihr Stück "Verklärte Nacht", das ebenfalls im Rahmen von Impulstanz am Sonntag im Volkstheater gezeigt wird.

Als spaßig-skurril lässt sich hingegen "In Spite Of Wishing And Wanting" von Wim Vandekeybus zusammenfassen, der so ziemlich alle Klischees über Männer in eine Performance packt: Sie galoppieren zu Beginn über die Bühne, schnauben wild. Einzig der Rudelführer "hangman" (Henker) scheint sie zähmen zu können. Bedrohlich wirken die ausschließlich männlichen Performer, wenn sie mit geballter Energie auf den Zuschauerraum hin toben. Das bereits 1999 uraufgeführte Werk zum Sound von Talking-Heads-Mastermind David Byrne zeigt eine Männerwelt voll von kindlicher Verspieltheit über tierische Verhaltensweisen bis hin zu skulpturähnlich posierenden Adonissen. Wann die physisch sehr unterschiedlichen Performer im Traum agieren, und wann sie wachen, ist unwichtig. Sinnlichkeit trifft hier auf Brutalität, Stille auf ungebändigte Energie. Aber nur scheinbar, denn die Tanzszenen zeigen einmal mehr Vandekeybus’ höchste Anforderungen an seine Performer in Technik und Präzision. Er selbst galoppiert als Pferdchen - pardon, natürlich als - Hengst über die Bühne. Seine Inszenierung hinterlässt eindrucksvolle Bilder, die aus der Synthese seiner vielen Stilmittel entstehen. Im Rahmen von Impulstanz gastiert auch er ein zweites Mal: Das jüngste Stück "Speak Low If You Speak Love" ist am 2. August im Volkstheater zu sehen.