Jodeln, stampfen, klatschen, dazu Kuhglocken, Ratschen, Peitschen und Weihrauch: Alles, was die österreichische Folklore zu bieten hat, vermengt Simon Mayer zu "Sons of Sissy". Sissys Söhne sind vier an der Zahl - unter ihnen auch der heimische Choreograf und Shootingstar der Szene - mit einer Quetschen, zwei Fiedeln und einem Bass.

Jauchzend und heiter starten sie mit volkstümlichen Um-pa-pa. Doch mit der Zeit verzerren sie die Musik zur Unkenntlichkeit, eine Dekonstruktion schlechthin. "Drah di, Annamirl, hopsasa" lautet dann die Devise des Performers, der sich in einem großen Kreis im Wiener Odeon mehrmals um sich selbst dreht. Manch einer könnte danach nicht einmal mehr stehen.

Es folgen folkloristische Paartänze und Armhaltungen wie das sogenannte Fensterln. Die Originalschritte reduziert Mayer auf ein starkes rhythmisches Stampfen. Humorig wird es beim Schuhplatteln: Auch hier geraten die Bewegungen mit der Zeit scheinbar außer Kontrolle. Die vier entledigen sich der Kleidung, und es wird weiter schuhgeplattelt bis die Schenkel purpurrot sind. Dann startet erneut die Umsetzung der konformen Idee von Volkstümlichkeit - nur halt nackt.

Mayer führt in dieser Uraufführung geschickt und witzig Elemente des heimischen Brauchtums ins Absurde und Skurrile, ohne dabei aber respektlos gegenüber Traditionen zu sein. Das Stück wird am 22. Juli auch in einer Bearbeitung für Sehbehinderte im Rahmen des EU-Projekts "The Human Body - Ways of Seeing Dance" gezeigt.

Ein ähnliches Konzept, nämlich die Modernisierung von althergebrachtem Folkloretanz, zeigt auch der Flamenco-Tänzer Israel Galván de los Reyes in "Fla.co.men". Den absoluten Macho-Tanz würzt er mit spitzbübischen Showeffekten, bunter Lichtregie und unzähligen Zapateados, der schnellen Fußarbeit basierend auf Fersen-Staccato. Sein Körper wird ebenfalls zum Musikinstrument, wenn er sich mit seinen Musikern - Gitarre, Geige, Saxofon, Schlagzeug, Hirtenflöte - und zwei Sängern duelliert, mit ihnen kommuniziert und auch kokettiert.

Imposante Selbstdarstellung

Der Beginn verspricht eine zeitgenössische Version, wenn Galván mit einem Mieder um die Taille den männlichen Flamenco-Tänzer feminisiert, oder wenn es den Anschein hat, als würde er - auf der Suche nach einem tieferen Sinn seiner Performance - mit blubbernden Wassergeräuschen einen Tanz der Gesten bringen. Doch die Botschaft bleibt verborgen. Die Performance wandelt sich im Zuge des Abends zur imposanten Selbstdarstellung in Bild und Ton, Rhythmik und Stillstand.

Ohne Zweifel zeigen Galván und seine Musiker sowie Sänger Flamencokunst auf sehr hohem Niveau mit dem Charme der Südländer: Das Publikum tobte mit Standing Ovations - obwohl die Performance den schalen Beigeschmack eines spanischen Touristenkonzerts hinterlässt.