- © Annika Berglund
© Annika Berglund

Wien. Seine mehrstündigen Performances sieht er als Strandurlaub, egal ob sie poppig oder gruselig inszeniert sind. Der schwedische Performer Mårten Spångberg (48) lässt sich nicht in eine Genre-Schublade stecken, zu experimentell und philosophisch sind seine Inszenierungen. Das zurzeit stattfindende Impulstanz-Festival zeigt von ihm zwei sehr unterschiedliche Stücke .

"Wiener Zeitung":Im "Guardian" wurden Sie als der "Bad Boy" des zeitgenössischen Tanzes bezeichnet. Was ist der Grund dafür?

Mårten Spångberg: Journalisten brauchen Headlines. Ich bin so langweilig und durchschaubar und meine Arbeit ist ebenso langweilig, sodass sie eine zusätzliche Beschreibung für meinen Namen brauchten - einen ziemlich dämlichen eigentlich. Das ist beschämend für mich. In meinem Alter wird man normalerweise auch nicht mehr als "Boy" bezeichnet.

Sehen Sie es doch als Kompliment.Das tu ich sowieso. Ich hatte nie die Intention "bad" zu sein, denn was ich mache, ist weder schockierend noch provokativ. In meiner Arbeit findet man keine Nackten, keine Körperflüssigkeiten, niemand übergibt sich. Ich denke, es ist auch als Künstler wichtig, kein Mensch ohne Meinung zu sein sowie Ecken und Kanten zu haben. So wie sich der Kapitalismus zurzeit entwickelt, hat niemand mehr eine eigene Meinung und jeder ist immer erreichbar. Wenn ich nun als Tanzschaffender arbeite, als jemand, der Veränderung und Entwicklung anstrebt, dann ist es auch wichtig, dass ich meine Gedanken klar ausspreche. Etwa, dass einige Choreografen aufhören sollten, denn nur eine Tanzperformance zu inszenieren, bewirkt noch nichts.

Welche Choreografen sollten Ihrer Meinung nach aufhören?

Die meisten.

Der Titel "Bad Boy" wurde Ihnen vielleicht aufgrund Ihres Stils zugeschrieben. Können Sie diesen Spångberg-Stil beschreiben?

Es gibt in meinen Inszenierungen keine immer wiederkehrenden Elemente. Ein Kennzeichen meiner Arbeit der letzten fünf Jahre ist sicherlich, dass meine Stücke unterschiedliche Betrachtungsweisen der Besucher einfordern. Ich habe kein Interesse an filmischer Berieselung. Ich möchte das Publikum nicht führen, es soll sich um sich selbst kümmern. Wir sind heute multitask veranlagt, aber im Theater soll man sein Handy abdrehen, sich hinsetzen und zusehen. Ich sehe das anders. Meine Arbeit ist auch immer sehr reichhaltig, immer ein "zu viel". Besonders in "La Substance", das aus vielen Kostümen, vielen Haaren und Make-up sowie glänzenden Oberflächen, Logos, Popmusik und noch mehr Popmusik besteht. Ich frage mich öfter, weshalb viele Performances so verdammt langweilig sind. Alles ist grau in grau oder nackt. Und das ist noch langweiliger, weil die Nacktheit so oberflächlich gebracht wird. Nie heiß, köchelnd und sexy. Kostüme sind aber bereichernd und veredelnd. Das gleiche gilt für die Musik, die maximal Technoanklänge beinhaltet. All das soll den Tanz in den Vordergrund rücken. Ich fragte mich, weshalb ich diese Reduktion hinnehmen soll.