Rauswurf aus Ballettschule

Die Physis ihrer Tänzer ist ihr dabei egal. Ihre frühe Prägung durch das Ballett hat sie damit mehr als deutlich abgelegt, dennoch ist es gerade das Ballett, dem sie ihre Wandlung zur zeitgenössischen Choreografin verdankt. Genauer - einem Rauswurf: "Ich studierte viele Jahre Ballett in Montreal. Im Jahr 1977 wollte Tom Scott ein Ballett kreieren und fragte mich, ob ich darin tanzen möchte. Ich sagte ihm, dass ich ihn als meinen Lehrer sehr schätze, aber am Stück nicht teilhaben wolle. Er war so verletzt, dass er mich aus der Schule rausgeworfen hat", erzählt Chouinard mit Tränen in den Augen. Noch heute berühre sie ihr damaliges Drama. Es hätte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen: "Ich war so verzweifelt, ich wusste nicht, was ich tun sollte. Und ich liebte meinen Lehrer so sehr, dass ich mit niemand anderen trainieren wollte."

Also suchte sie sich einen leeren Raum und übte allein. "Nach ein bis zwei Wochen begann ich, mich anders zu bewegen, sozusagen den Weg des Balletts zu verlassen. Und ich liebte es, meinen Körper auf ungewohnte Weise zu spüren, ohne Ballettschuhe. Ich entdeckte neue Positionen, die mir das Gefühl gaben, durch Zeit und Raum zu reisen. Ich öffnete mich für neue Tanzstile", beschreibt sie ihre Wandlung hin zum Zeitgenössischen. Bald darauf wurde sie von einer Veranstalterin angesprochen: "Ich sollte diese Choreografie, die keine war, sondern nur ein Ausprobieren von Posen, bei einer Audition präsentieren. Ich sagte gleich ja, aber mir kamen große Zweifel, ob ich das überhaupt könnte." Aber sie sagte zu, "also musste ich da durch". 15 Minuten Performance - ein Riesenerfolg. "Festival-Veranstalter kamen zu mir und fragten mich, ob ich noch weitere Stücke hätte. Ich hatte natürlich keine, aber ich machte mich an die Arbeit. So wurde ich Choreografin."

Keine Jugendsünden

Chouinard startete Ende der 1970er Jahre ihre Karriere als Solotänzerin, 1990 gründete sie dann ihre eigene elfköpfige Kompagnie, mit der sie bis heute nach New York, Ottawa, Taipeh, Paris, Venedig, Amsterdam, Berlin und Wien tourt, ferner ist sie Direktorin der Tanzbiennale in Venedig. Rückblickend auf ihre lange Laufbahn lehnt sie die Frage nach choreografischen "Jugendsünden" ab: "Wenn ich mir heute eine alte Choreografie ansehe, dann stehe ich immer noch dazu, sie ist immer noch mein Werk. Ich schäme mich nicht, sondern bin stolz und happy über meine Arbeit", sagt sie selbstbewusst.

Impulstanz 2018

Das Festival präsentiert von 12. Juli bis 12. August ein performatives Programm mit einigen internationalen Größen der Tanzwelt. Impulstanz wird von Dave St. Pierre im Wiener Odeon eröffnet. In "Néant - Void" pendelt er zwischen Vernunft und Wahnsinn, zwischen Mensch und Tier. Anne Teresa De Keersmaeker zeigt Bachs "Sechs Suiten für Violoncello" als Soloperformance. Meg Stuart präsentiert unter "Solos & Duets" eine Uraufführung und bringt als "Classic" ihre frühere Kreation "Blessed" nach Wien zurück. Zwischen Mensch und Maschine vermittelt Simon Mayer in seinem Stück "Oh Magic" im Volkstheater. Einen Blick zurück wirft François Chaignaud gemeinsam mit Nino Laisné und vier Live-Musikern, in "Romances inciertos, un autre Orlando" tanzt und singt Chaignaud zu Melodien aus dem 16. und 17. Jahrhundert. Dem Altmeister des Butoh, Tatsumi Hijikata, widmen sich zwei Künstler: der Choreograf und Medienkünstler Choy Ka Fai und der Performer Trajal Harrell. Mit einer wohl weniger bekannten, aber nicht minder bedeutenden Künstlerin befassen sich Eszter Salamon und Julie Flierl im Mumok: Valeska Gert, deren Kunst 1933 für "entartet" erklärt wurde. Darüber hinaus kündigen sich Positionen aus Österreich durch Cie. Willi Dorner, Florentina Holzinger, Liquid Loft/Chris Haring, Michikazu Matsune, Elisabeth B. Tambwe und ein Konzert der Cowbirds an.