Steigt man die Treppenstufen herunter ins Souterrain, ändert sich die Szenerie schlagartig. Das schlauchförmige Untergeschoss, von wo aus man zu den Haltestellen der lokalen Busse und zur U-Bahn gelangt, wird dieser Tage fast ausschließlich von Migranten frequentiert. Die Beleuchtung ist schummrig, Dutzende Menschen liegen entlang der Wände, unter der Treppe, hinter Absperrgittern, die ein Minimum an Privatsphäre schaffen, nur einen dünnen Karton oder Zeitungspapier zwischen sich und dem eiskalten Stein. Wer Glück hat, hat eine Decke.

Die, die gerade wach sind, kauern vor der Glasfront, dahinter sieht man die Busse vorbeifahren. Im mittleren Teil kicken sich einige junge Männer den Ball zu - gewissermaßen die Wintervariante des nie endenden Spiels auf dem Platz drüben im Park, bevor es kalt wurde.

Kein einträgliches Geschäft mehr für Schlepper

Bei der Treppe sitzen zwei Äthiopier, die schon seit einem halben Jahr in Brüssel sind und nach England wollen. Ein paar Meter weiter hockt ein Mann aus Sierra Leone. Er will in Belgien um Asyl fragen und wartet darauf, seinen Antrag zu stellen. Der Nordbahnhof ist eine bekannte Anlaufstelle. Bis vor kurzem lag die Asylbehörde um die Ecke.

Einige Tage später ist der Regen klirrender Kälte gewichen. Auch an diesem Morgen ist der Maximilianpark fast leer, bis auf einige Menschen, die am hinteren Ende vor einer Mauer liegen. Mehdi Kassou, ein Mittdreißiger mit millimeterkurzen Haaren und dicker schwarzer Jacke, ist auch da. In drei Tagen wird in Brüssel eine Demonstration rechtsextremer Gruppen stattfinden. "Wir haben gehört, dass Teilnehmer hierher kommen wollen. Die ‚Affen‘ aufmischen, wie sie sagen. Also raten wir allen Migranten, den Park und den Bahnhof an diesem Tag zu meiden."

Der Plateforme Citoyenne de Soutien aux Réfugiés steht damit wieder einmal eine logistische Herausforderung bevor. Mehr als 750 Personen gelte es in Sicherheit zu bringen, so Kassou, der einer der Koordinatoren der Plattform ist. Zur Verfügung steht eine städtische Notunterkunft am Rand der Stadt, wo auch jede Nacht 350 Personen schlafen können. Für die Übrigen will man auf das Netzwerk von Freiwilligen im ganzen Land zurückgreifen, die derzeit auch 270 Menschen einen Schlafplatz in ihren Häusern anbieten.

Zur Sicherheit dreht Kassou noch eine Runde durch den Park. Er erzählt vom September 2015, als die Zahl der Geflüchteten auch in Belgien so stark anwuchs, dass die Asylbehörde gegenüber dem Park nicht mehr mitkam. "Die Menschen warteten auf dem Gehsteig und begannen hier zu schlafen. Damals organisierten wir zum ersten Mal Essen und Zelte. Später auch Sprachkurse und Schlafplätze in einem leer stehenden Gebäude in der Nähe. Nachdem der "Jungle", das Lager im französischen Calais, geräumt war, kamen nochmals knapp 300 Menschen dazu."

2017 begann die Polizei mit immer häufigeren, und, wie Kassou betont, "immer gewalttätigeren" Razzien. Manchmal war die Plattform, dank wohlgesonnener Stellen in Polizei und Behörden, im Vorfeld davon informiert und brachte die Migranten bei ihren Mitgliedern unter. Der Maximilianpark entwickelte sich zum Politikum. Für die flämisch-nationalistische Partei N-VA, die damals in der Regierung das Ressort Asyl und Migration hielt, war er ein Labor, in dem Staatssekretär Theo Francken die Muskeln spielen ließ.