Dohuk/Wien. Hazim Kali hält sein Smartphone fest umklammert, so als wäre es sein wichtigster Besitz. Auf dem Speicherchip sind die Zeugnisse einer glücklicheren Vergangenheit gespeichert. Bilder von seiner Tochter Elin, seinem Sohn Ali Alend und seinem Bruder Herish. Er wischt auf seinem Handy über die Porträts und Szenen von Familienzusammenkünften, über die Bilder vom Abschied von der Familie an der Grenze zur Türkei. Der Anblick der Bilder schmerzt.

Hazim Kali ist irakischer Jeside. Seine 14jährige Tochter, seine 16jähriger Sohn und seine 22jähriger Bruder sind vor vier Jahren zu Nummern in einem Kriminalfall geworden: "Leiche Nr 45: Kali Elin Hazim, 14, weiblich, Irak. Leiche Nr 55: Ahmed Herish Dino, 22, männlich, Irak. Leiche Nr 65: Kali Ali Alend, 16, männlich, Irak." In den Unterlagen der Ermittler - Aktenzeichen Aktenzeichen B4/19007/2015 - sind ihre Namen fein säuberlich verzeichnet: Sie waren unter den 71 Opfern, die am 26. August 2015, zusammengepfercht in einem luftdicht verschlossenen Kühl-Lkw auf dem Weg von Ungarn nach Österreich ums Leben gekommen sind.

Die Leichen wurden im Gerichtsmedizinischen Institut untersucht. - © afp/Dieter Nagl
Die Leichen wurden im Gerichtsmedizinischen Institut untersucht. - © afp/Dieter Nagl

Die Bilder vom Kühllaster, der in einer Pannenbucht an der A4 in der Nähe von Parndorf abgestellt war, gingen damals um die Welt und haben - genauso wie das Bild der auf einen Strand in der Nähe von Bodrum gespülte Leiche des dreijährigen Aylan Kurdi ein paar Tage später am 2. September - die europäische Öffentlichkeit aufgerüttelt.

"Ein Lastwagen voller Leichen" titelte die "Presse" damals auf Seite eins, auf der Titelseite der Gratiszeitung "Heute" prangte in dicken Lettern: "50 Tote klagen an!", die "Wiener Zeitung" konstatierte "Das tödliche Ende dieser Flucht schockiert Europa".

Hazim Kali hoffte, dass er seine Kinder nach Europa in Sicherheit schicken kann. Stattdessen fanden sie in einem Schlepper-Lkw den Tod. - © Thomas Seifert
Hazim Kali hoffte, dass er seine Kinder nach Europa in Sicherheit schicken kann. Stattdessen fanden sie in einem Schlepper-Lkw den Tod. - © Thomas Seifert

Der frühere österreichische EU-Abgeordnete Josef Weidenholzer hat gemeinsam mit dem Wiener Irak-Experten Thomas Schmidinger Hazim Kali immer wieder getroffen, das erste Mal rund ein Jahr nach der Tragödie von Parndorf. Damals zeigte Hazim Kali den Österreichern neben den schönen Erinnerungsbildern auch ein schauriges Foto auf seinem Handy. Nämlich jene grausige Aufnahme aus der Boulevardpresse, die das Leichenknäuel, so wie es die Polizei im Kühl-Lkw nach dem Öffnen der Türen vorgefunden hat, zeigt. Kali vergrößerte bei dem Gespräch damals einen Bildausschnitt und zeigte Weidenholzer und Schmidinger zum Vergleich ein Foto der Hände seiner Tochter: "Das ist sie. Elin. Wenn ich das gewusst hätte...".

Ein letzter Abschied. - © privat
Ein letzter Abschied. - © privat

Doch die Familie glaubte, es gebe für die jungen Leute gar keine Alternative als die Flucht nach Europa. "Dis IS-Kämpfer waren damals im Jahr 2014 ganz nahe an unserem Dorf - auf der anderen Seite des Flusses, des Tigris. Wir konnten sie hören und sie konnten uns sehen", so Kali. Einer von Kalis Verwandten wurde im damals hart umkämpften Sindschar-Gebirge getötet und als Kalis Frau entführt und erst gegen Bezahlung von Lösegeld wieder freigelassen wurde, fiel die Entscheidung, die Kinder so rasch wie möglich nach Europa in Sicherheit zu bringen. Wir haben unsere Ersparnisse - 8.500 Euro - in die Schlepper investiert. Sie haben versprochen, sie sicher nach Deutschland zu bringen", hat Hazim Kali damals gesagt.

Das Bild der Tochter Elin Hazim ist immer noch auf Hazim Kalis Smartphone. - © Thomas Seifert
Das Bild der Tochter Elin Hazim ist immer noch auf Hazim Kalis Smartphone. - © Thomas Seifert