- © M. Hirsch
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Malta hat vergangenes Jahr 1443 Menschen aus Seenot gerettet. Heuer sind es bereits 1580. "Malta ist immer bereit, Menschen zu retten, die sich in unseren Gewässern in Seenot befinden", sagt Michael Farrugia, Minister für Inneres und Sicherheit. "Aber ich erwarte mir mehr Solidarität." Malta trägt derzeit - noch - die Hauptlast im südlichen Mittelmeer. Denn die rigorose Politik der geschlossenen Häfen von Italiens Ex-Innenminister Matteo Salvini könnte mit der neuen Regierung in Rom bald ein Ende haben. So oder so, private Retter hinderte Salvini nicht daran, weiter Menschen aus Schlauchbooten zu retten. Wohin in der EU die Menschen anschließend gebracht werden, darüber gibt es jedoch jedes Mal ein Gezerre. Malta spielt eine Vermittlerrolle. Eine Rolle, die dem Land aufgrund seiner geografischen Lage aufgezwungen wurde. So erklärte sich Malta in jüngster Zeit mehrmals bereit, Flüchtlinge aufzunehmen - unter der Bedingung, dass andere EU-Staaten sie übernehmen.

Geldstrafen, wie sie Italien den Hilfsorganisationen in der Vergangenheit angedroht hat, kann sich Farrugia nicht vorstellen. "Ich kopiere nicht die Strategie anderer Länder." Vielmehr denkt er an Obergrenzen für die Aufnahme von Geflüchteten. "Wenn diese erreicht werden, dann sollte ein automatischer Verteilungsprozess anlaufen." Bisher wird improvisiert. Ob das auch weiterhin so bleibt, wird am Donnerstag in Malta diskutiert. Dann treffen sich Vertreter von Deutschland, Frankreich, Italien und Finnland auf Malta, um über eine Umverteilung der Flüchtlinge zu reden.

In der Bevölkerung sorgt das Thema Migration und Flüchtlinge weiterhin für heftige Debatten. Zwar vertreten viele Malteser die Ansicht, dass man den Menschen auf hoher See helfen muss. Doch einig sind sich auch alle: Nach Malta soll man sie nicht bringen. Retten ja, integrieren nein. Der Unmut entlädt sich oft in Online-Kommentaren. "Ich musste bei Artikeln über Migration die Kommentarfunktion abstellen. 70 Prozent der Kommentare waren rassistisch oder unsachlich", sagt Grech. Er glaubt, dass Malta ein großes Problem mit Rassismus hat.

Im Mai dieses Jahres wurde auf drei schwarze Flüchtlinge geschossen. Einer hat den Angriff nicht überlebt. Zwei Soldaten wurden als mutmaßliche Tatverdächtige festgenommen. Das Verfahren läuft noch. Laut Polizei hätten die beiden Männer auf die drei Afrikaner geschossen, "nur weil sie schwarz waren". Das Land war geschockt. Die Politik reagierte betroffen. Es heißt, der Vorfall wäre die erste rassistisch motivierte Tat im Land gewesen.

Chronisch überfüllte Unterkünfte

Am Busbahnhof in Valletta herrscht Geschäftigkeit. Die einen fahren an den Strand. Die anderen zu ihren Containern. Die Mehrheit der Fahrgäste im Bus sind junge Schwarze. Der Bus rollt durch die karge Landschaft Maltas. An einem Kreisverkehr stoppt er. Das Fahrzeug leert sich fast komplett. Stumm marschieren die Burschen die Straße entlang, biegen rechts ab und folgen einer Mauer. Sie umgibt das Flüchtlingscamp Hal far wie ein Gefängnis. Das Camp wurde 2005 errichtet, als sich Malta mit hunderten Bootsflüchtlingen konfrontiert sah und schnell Unterkünfte schaffen musste. Es liegt abgelegen in einem Industriegebiet. Kaputte Zäune, vermüllter Straßenrand, Brachland.

"Die Menschen haben keine Chance, sich zu integrieren. Es fehlt der Kontakt zu ihrer Community", sagt die Aktivistin Maria Pisani. Als 2004 das erste Flüchtlingscamp in Betrieb genommen wurde, übernahm Pisani die Leitung. "Damals herrschte eine sehr strenge Politik, wenn es um die Internierung von Geflüchteten ging", sagt Pisani, die an der Universität Malta "Youth and Community Studies" unterrichtet. Heute sind die Camps offen. Das heißt, die Flüchtlinge dürfen jederzeit ein und aus gehen. Aber die Unterkünfte sind chronisch überfüllt. Rund 1000 Menschen leben heute in der Containerstadt, die meisten aus afrikanischen Ländern wie Gambia, Eritrea, Sudan und Somalia.