Die Zustände im Lager werden regelmäßig kritisiert. Ein Bericht des "European Council on Refugees and Exiles", eines Zusammenschlusses von mehr als 100 Hilfsorganisationen, bemängelt die hohe Zahl an Insassen in den maltesischen Flüchtlingscamps und schwere hygienische Probleme. Im Sommer sei es in den Containern viel zu heiß, im Winter viel zu kalt. Laut NGOs, die das Lager Hal far regelmäßig besuchen, hat sich die Situation in den letzten Jahren nicht verbessert. "Für Malta ist es eine Herausforderung. Der Platz ist begrenzt, genauso wie die Zahl der Experten in diesem Bereich", sagt Roberta Buhagiar, die die sozialdemokratische Regierung in Migrationsfragen berät.

"Es gibt hier nichts zu tun"

Die Augustsonne heizt den Asphalt auf. Ein Sattelschlepper donnert durch den Kreisverkehr und wirbelt Staub auf. Schatten spenden nur vereinzelte Bäume. Unter ihnen kauern junge Schwarze und wischen auf ihren Smartphones. Auf einem Stein hockt Rahim Abdul. Er trägt kurze Hosen, ein T-Shirt und ausgelatschte Sandalen. Warum er hier sitze? "Nur hier gibt es WLAN-Empfang", sagt Abdul. Der Sudanese lebt seit einer Woche im Lager. Der Alltag sei eintönig, erzählt der 24-Jährige in brüchigem Englisch. "Es gibt nichts zu tun. Wir können nur hier sitzen und zurück ins Lager gehen." Zweimal am Tag bekommen sie Mahlzeiten. Seinen Container teilt er sich mit sieben anderen. Es gibt keine Privatsphäre. Das Leben sei hart, jeder sei auf sich allein gestellt, sagt er.

Abdul fällt das Gehen schwer. Er zeigt auf sein Knie. "Hier wurde ich angeschossen." Milizen hätten den Schuss abgefeuert. Der ethnische Konflikt im Sudan zwang ihn zur Flucht. Anfang Mai wurde er mit rund 70 anderen Menschen auf dem Meer gerettet. Ein Containerschiff habe ihr Schlauchboot entdeckt und die maltesische Marine gerufen, erzählt er. Abdul zieht ein gefaltetes Papier aus seiner Hosentasche. Ein Dokument der Polizei, das ihn als Asylwerber ausweist. 120 Euro im Monat bekommt er vom Staat. Umgerechnet vier Euro am Tag. Vier Euro kostet der Bus nach Valletta und zurück.

Malta ist eine riesige Baustelle. Und sie braucht Migranten, die mit anpacken. Ob Abdul mit seinem verletzten Knie Arbeit finden kann, ist aber fraglich. Eine, die Flüchtlingen bei der Jobvermittlung unter die Arme greift, ist Intesar Bashir. Sie gießt sudanesischen Kaffee ein. Bashir trägt Kopftuch und ein blaues T-Shirt der Internationalen Organisation für Migration. Sie arbeitet als Übersetzerin. "Ich bin die Mutter aller Sudanesen", sagt sie mit einem einnehmenden Lächeln. "Unsere Community versucht, die Lücke zwischen Flüchtlingen und den Behörden zu füllen." Regelmäßig besucht sie die Flüchtlingscamps auf der Insel. Sie klärt die Menschen über die Gesetze Maltas auf, bringt die Kultur näher und hilft bei der Arbeitssuche.

4,33 Euro Mindestlohn

Flüchtlinge und Migranten bekommen auf Malta rasch eine Arbeitserlaubnis. Sie gilt für ein Jahr und muss alle drei Monate erneuert werden. "Jobs zu finden ist nicht immer einfach. Viele kommen jedoch auf Baustellen unter", sagt sie. Sie schleppen Zementsäcke. Sie schrubben Restaurantküchen. Sie sammeln Müll ein. Es sind überwiegend schlecht bezahlte Jobs, für die sich keine Malteser mehr finden. Der Mindestlohn liegt derzeit bei 4,33 Euro. "Ich sage den Menschen immer: Akzeptiert jeden Betrag." Es sei wichtig, dass sie einen Job haben. Bashir ist Kummerkasten und Jobvermittlung in einem. In ihren Gesprächen mit den Menschen lässt sie aber auch oft Illusionen platzen. "Viele kommen mit zu hohen Erwartungen nach Europa. Ich sage ihnen, fangt schnellstmöglich an, Englisch zu lernen." In jüngster Zeit kommen auch immer mehr Flüchtlinge aus Italien nach Malta. Denn hier erwarten sie sich bessere Chancen.