Im jüngsten Gewaltausbruch setzte die israelische Armee am Freitag ihren Beschuss von Zielen im Gazastreifen fort. Damit sollen die Raketenangriffe aus dem Küstenstreifen gestoppt werden, der von der Extremistenorganisation Hamas kontrolliert wird. Diese hat nach israelischen Berichten seit Dienstag mehr als 550 Geschosse auf Israel abgefeuert. Die "Wiener Zeitung" sprach mit dem Politologen Khaled Hroub über die Hamas und die Eskalation.

"Wiener Zeitung": Die jüngsten Entwicklungen bringen die Hamas zurück ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Welche Missverständnisse begegnen Ihnen dabei?

Khaled al-Hroub: Eines drängt sich besonders auf: die Wahrnehmung der Hamas als reine Terrororganisation, die kein anderes Ziel habe, als Juden zu töten. Damit verbunden werden die Palästinafrage und die Besatzung der Palästinensergebiete durch Israel auf einen Kampf zwischen Israel und Terrorismus reduziert. Ich will klarstellen, dass ich die Hamas hier nicht verteidige. Meine eigene Vision für die Zukunft der Palästinenser ist in säkularer Politik verankert. Dennoch ist die Hamas für mich die natürliche Konsequenz einer langen und brutalen militärischen Besatzung, unter der sich die palästinensische Politik und Bevölkerung radikalisiert hat.

Die Hamas gewann 2006 die palästinensischen Parlamentswahlen. Jetzt steckt die Bewegung abermals isoliert im bewaffneten Kampf gegen Israel fest. Was ist passiert?

Diese Wahlen fanden unter den schwierigen Umständen der Besatzung Israels im Westjordanland und des Gazastreifens statt. Es waren also Wahlen für eine Regierung ohne Souveränität. Die Palästinenser waren gezwungenermaßen an die Konditionen Israels gebunden. Dass die Hamas diese Wahlen gewonnen hatte, überschritt aus israelischer Sicht eine rote Linie. Erwartungsgemäß begannen Israel und die USA sofort damit, das Wahlergebnis mit der Belagerung des Gazastreifens und viel Druck auf die Hamas - darunter Wirtschaftssanktionen und militärische Angriffe - zu bekämpfen. Der Druck führte dazu, dass die Fähigkeit der Hamas, unter diesen Umständen zu regieren und gleichzeitig Widerstand zu leisten, einbrach. Was wir jetzt sehen, ist abermals ein politisches Programm mit dem Ziel, die Hamas in Gaza zu schwächen.

Mit Blick auf die jüngste Eskalation: Was will die Hamas erreichen?

Sie will überleben. Ich denke nicht, dass sie diese Eskalation ausdehnen will. Sie weiß, wie alle anderen, dass ein solches Szenario nicht günstig wäre. Der Raketenabschuss Israels soll nur die Bedingungen jenes unvermeidlichen Waffenstillstands verbessern, der irgendwann folgen wird. Doch gleichzeitig könnten die steigenden palästinensischen Opferzahlen im Gazastreifen den Rückhalt der Hamas untergaben. Die Stimmung könnte sich radikalisieren, was wiederum Jihadisten und radikalen Gruppierungen in die Hände spielen würde, die bislang von der Hamas im Zaum gehalten wurden.

Nun scheint die israelische Regierung eine Zerschlagung der Hamas anzustreben. Worte, die nicht das erste Mal fallen. Welche Konsequenzen könnte die israelische Operation im Gazastreifen tatsächlich haben?

Eine "Zerschlagung der Hamas" wird nicht passieren. Dazu braucht es eine große Bodenoperation. Das würde die israelische Armee lange Zeit in ein Schlachtfeld hineinziehen. Israel will die Hamas nicht völlig zerschlagen. Das würde ja eben anderen, radikaleren Gruppen den Aufstieg erlauben. Israel will die Fähigkeit der Hamas zum Raketenabschuss zerstören. Doch auch dieses Ziel ist unerreichbar, ohne die gesamte Bewegung zu zerschlagen, was ja nicht Israels Wunsch ist. Es ist ein wahres Dilemma. Außerdem wird die Hamas von Israel und dem neuen alten Regime in Ägypten gehasst. Doch beide wissen, dass die Existenz einer starken Hamas im Gazastreifen die beste Garantie gegen den Aufstieg von Jihadisten, Al-Kaida, und Gruppen wie Isis ist.

Wie wirkte sich der Arabische Frühling auf die Macht der Hamas aus?

Der Arabische Frühling hat der Hamas widersprüchliches Glück gebracht. Sie jubelte im ersten Jahr der Aufstände, nachdem Islamisten in Tunesien, Ägypten und Libyen an die Macht gekommen waren. Besonders die Muslimbrüder in Ägypten hatten der Hamas eine riesige Erleichterung gebracht, indem sie die Grenzblockade des Gazastreifens lockerten. Doch die Hamas hat sich überschätzt. Sie hat ihre Beziehung zum Iran und zum syrischen Regime einbrechen lassen, stattdessen die Volksrevolution gegen Bashar al-Assad in Syrien unterstützt. Mit Ägypten an seiner Seite, so kalkulierte die Hamas, seien der Verlust der Unterstützung des syrischen Regimes und die Verschlechterung der Beziehungen zum Iran tragbar. Doch mit dem Fall Mohamed Mursis in Kairo und der Rückkehr des alten Regimes stürzte die Hamas in eine politische Katastrophe. Sie hatte doppelt verloren: Mubaraks Regime kehrte in neuem Gewand zurück. Und ihre wichtigsten Verbündeten in der Region waren verloren.

Die Hamas wird von vielen Staaten als Terrororganisation eingestuft. Neben Terroranschlägen in der Vergangenheit wird dabei oft die "Hamas Charta" zitiert, um ideologischen Extremismus zu belegen. Was will die Hamas wirklich?

Ja, die Hamas-Charta beinhaltet radikale Ideologie. Aber für mich ist diese Ideologie überholt und nicht mehr Teil des Zeitgeists. Sie wurde in den späten 1980er Jahren veröffentlicht, als die Bewegung noch in den frühen Tagen ihres Werdegangs war. Heute ist die Hamas eine viel pragmatischere Bewegung mit genau kalkulierten politischen Ansätzen. Sie mischt immer noch Politik mit Religion - übrigens genauso die israelische Regierung und viele israelische Parteien. Letztendlich ist es politischer Pragmatismus, der die Hamas-Führung und ihre Entscheidungsfindung kontrolliert, nicht pure Ideologie.