Mit Blick auf die jüngste Eskalation: Was will die Hamas erreichen?

Sie will überleben. Ich denke nicht, dass sie diese Eskalation ausdehnen will. Sie weiß, wie alle anderen, dass ein solches Szenario nicht günstig wäre. Der Raketenabschuss Israels soll nur die Bedingungen jenes unvermeidlichen Waffenstillstands verbessern, der irgendwann folgen wird. Doch gleichzeitig könnten die steigenden palästinensischen Opferzahlen im Gazastreifen den Rückhalt der Hamas untergaben. Die Stimmung könnte sich radikalisieren, was wiederum Jihadisten und radikalen Gruppierungen in die Hände spielen würde, die bislang von der Hamas im Zaum gehalten wurden.

Nun scheint die israelische Regierung eine Zerschlagung der Hamas anzustreben. Worte, die nicht das erste Mal fallen. Welche Konsequenzen könnte die israelische Operation im Gazastreifen tatsächlich haben?

Eine "Zerschlagung der Hamas" wird nicht passieren. Dazu braucht es eine große Bodenoperation. Das würde die israelische Armee lange Zeit in ein Schlachtfeld hineinziehen. Israel will die Hamas nicht völlig zerschlagen. Das würde ja eben anderen, radikaleren Gruppen den Aufstieg erlauben. Israel will die Fähigkeit der Hamas zum Raketenabschuss zerstören. Doch auch dieses Ziel ist unerreichbar, ohne die gesamte Bewegung zu zerschlagen, was ja nicht Israels Wunsch ist. Es ist ein wahres Dilemma. Außerdem wird die Hamas von Israel und dem neuen alten Regime in Ägypten gehasst. Doch beide wissen, dass die Existenz einer starken Hamas im Gazastreifen die beste Garantie gegen den Aufstieg von Jihadisten, Al-Kaida, und Gruppen wie Isis ist.

Wie wirkte sich der Arabische Frühling auf die Macht der Hamas aus?

Der Arabische Frühling hat der Hamas widersprüchliches Glück gebracht. Sie jubelte im ersten Jahr der Aufstände, nachdem Islamisten in Tunesien, Ägypten und Libyen an die Macht gekommen waren. Besonders die Muslimbrüder in Ägypten hatten der Hamas eine riesige Erleichterung gebracht, indem sie die Grenzblockade des Gazastreifens lockerten. Doch die Hamas hat sich überschätzt. Sie hat ihre Beziehung zum Iran und zum syrischen Regime einbrechen lassen, stattdessen die Volksrevolution gegen Bashar al-Assad in Syrien unterstützt. Mit Ägypten an seiner Seite, so kalkulierte die Hamas, seien der Verlust der Unterstützung des syrischen Regimes und die Verschlechterung der Beziehungen zum Iran tragbar. Doch mit dem Fall Mohamed Mursis in Kairo und der Rückkehr des alten Regimes stürzte die Hamas in eine politische Katastrophe. Sie hatte doppelt verloren: Mubaraks Regime kehrte in neuem Gewand zurück. Und ihre wichtigsten Verbündeten in der Region waren verloren.