Berlin. Der Israeli Nadav Weiman hat in den besetzten Palästinenser-Gebieten als Scharfschütze gedient. "Natürlich habe ich auf Menschen geschossen, das war der Job", sagt der dunkelhaarige junge Mann ernst. "Es ist ein schlimmes Gefühl, jemanden zu töten." Heute ist der 26-Jährige Mitglied der Organisation "Breaking the Silence" (Das Schweigen brechen), die auf die Zustände in den Palästinensergebieten aufmerksam machen will. Eine neue Fotoausstellung im Willy-Brandt-Haus in Berlin zeigt Fotos, die israelische Soldaten dort während ihres Einsatzes für private Zwecke aufgenommen haben.

  Viele der Schnappschüsse erscheinen surreal. Soldaten in olivgrüner Uniform posieren lächelnd vor teilweise grausigen Hintergründen. Auf einem der Bilder steht ein Soldat in stolzer Siegerpose neben der Leiche eines militanten Palästinensers, der 2002 in einem Treibhaus in einer Siedlung im Gazastreifen erschossen wurde. Einen Fuß hat er auf die Brust des Toten gestellt, als ob es sich um ein erlegtes Tier handelte. Andere der Bilder wirken dagegen eher harmlos, fast banal. An einer Wand hängt eine ganze Reihe von Autoschlüsseln, die Soldaten als beliebte Strafmaßnahme von Palästinensern konfisziert haben. Videoaufnahmen veranschaulichen die häufigen Schikanen an den Straßensperren.

Schleichende Verrohung  
Viele der Soldaten erzählen von einer schleichenden Verrohung, die der Dienst für die israelische Besatzungsmacht in ihnen auslöste. Und zu Hause habe niemand so genau wissen wollen, was der Ehemann, Bruder oder Sohn in den Palästinenser-Gebieten tat. "Irgendwann konnten wir nicht mehr schweigen, nicht mehr alles für uns behalten, was dort passiert", sagt Weiman, der von 2005 bis 2008 für das Nachal-Kommando der Armee im Westjordanland und Gazastreifen im Einsatz war.

  Obwohl sie von vielen Israelis als "Nestbeschmutzer" angefeindet werden, sehen sich die inzwischen 850 Mitglieder von "Breaking the Silence" als Patrioten. In Video-Zeugenaussagen, die auf der Webseite der Organisation zu sehen sind, berichten sie von ihren Erlebnissen. "Ich liebe Israel, und ich möchte, dass es ein freier, demokratischer Staat bleibt", sagt Weiman, der nach eigenen Angaben aus einer alten Zionistenfamilie stammt. Junge Männer wie er gelten in Israel als "Salz der Erde" und wenn sie über die schlimmen Auswüchse der Besatzung erzählen, schenkt man ihnen vermutlich eher Glauben als Friedensaktivisten. Darin liegt auch die Macht von "Breaking the Silence".

"Es gibt keine nette Besatzung"  
Die Ex-Soldaten führen in den kommenden zwei Wochen selbst Besucher durch die Ausstellung, die auch schon im israelischen Parlament gezeigt wurde. Viele hätten ihm vorgehalten, ausgerechnet in Deutschland dürfe ein Israeli keine "schmutzige Wäsche waschen", erzählt Weiman. Doch er sehe die heutige Bundesrepublik Deutschland als "so guten Freund" Israels, dass man keine Geheimnisse voreinander haben müsse.

  Viele der Organisationsmitglieder dienen trotz aller Kritik an der Besatzung weiter als Reservisten - durchschnittlich einen Monat im Jahr müssen sie zurück in die Palästinensergebiete. Eine von ihnen ist Tal Wasser von der Hundeeinheit der Armee. Mit ihrer Schäferhündin, die für das Aufspüren von Sprengstoff ausgebildet ist, steht sie an Militärsperren. "Ich habe mich freiwillig gemeldet, mit dem festen Vorsatz, netter zu den Palästinensern zu sein als die anderen Soldaten", sagt die 25-Jährige mit den warmen braunen Augen. "Ich habe täglich Süßigkeiten an die Kinder an der Straßensperre verteilt." Rückblickend sieht sie ihr Verhalten jedoch als naiv. "Es gibt keine nette Besatzung", meint auch Weiman.