Gibt es genug internationalen Druck für einen Waffenstillstand?

Nein, und momentan gibt es sehr wenig Dringlichkeit dafür - für keine der beiden Seiten. Die Israelis schützen ihre Heimfront, und die Hamas ist meiner Meinung nach dazu bereit, weiter Raketen abzufeuern, bis sie bekommt, was sie braucht.

Und wir haben nicht wirklich einen Mediator in Sicht.

Nun, wir haben die Ägypter etwa oder den Chef des israelischen Geheimdienstes Shin Bet. Man braucht aber nicht nur einen Mediator, sondern auch den richtigen Deal. Gibt es eine Balance von Interessen, die es beiden erlaubt, als Sieger aus der jetzigen Konfrontation auszusteigen? Im jetzigen Moment zweifle ich daran.

Ändert sich angesichts der Turbulenzen im Nahen Osten - die arabischen Staaten sind durch Revolutionen geschwächt, Sunniten und Schiiten bekämpfen einander und die Muslimbrüder sind in die Ecke gedrängt - die Politik Israels?

Je mehr Unsicherheit es gibt - Syrien und der Irak etwa lösen sich ja gerade auf - desto mehr werden die Israelis auf Jordanien angewiesen sein, Ägypten und zu einem gewissen Grad wird es implizit gleiche Interessen mit den Saudis geben. Israels Blick auf das alles ist aber, meiner Meinung nach, nicht der einer Chance, sondern dass die Entwicklungen ein Risiko darstellen. Und dabei will ich hier auch noch gar nicht die Frage erwähnen, ob am Sonntag in Wien eine Verlängerung der Atomgespräche mit dem Iran gelingt, was Israels Hauptsorge ist. Auch ich glaube nicht, das irgendetwas von dem, was jetzt passiert, uns neue Chancen bringt. Wir haben gerade zehnmonatige Anstrengungen von US-Außenminister John Kerry beobachtet, der hunderte Stunden mit beiden politischen Führern und ihren Verhandlungsteams verbracht hat. Und was kam heraus? Etwas, was nicht annähernd benötigt würde, um das israelisch-palästinensische Problem zu lösen. In Wirklichkeit kam man nicht einmal in die Nähe einer Lösung. Also nein, die Israelis werden sehr zurückhaltend bleiben.

. . . und den jetzigen Status quo beibehalten?

Die Israelis sind bereit, mit einem gewissen Grad an Spannungen und Eskalation zu leben. Das Grundsatzproblem ist aber: So nicht ideal dieser Grad auch sein mag, Abbas (Mahmoud, Palästinenserpräsident, Anm.) und Netanyahu (Benjamin, israelischer Premier) sehen das Risiko, ihn zu ändern, als viel schädlicher für ihre jeweiligen politischen Positionen an, als ihn aufrechtzuerhalten. Konzessionen zu machen bei der Grenzsicherheit Jerusalems, Flüchtlingen oder Israel als den Nationalstaat der Juden anzuerkennen, erfordert unglaubliches Risiko. Politisches, wie existenzielles - es sei nur daran erinnert, dass Anwar as-Sadat (ehemaliger ägyptischer Präsident, Anm.) ermordet wurde für seine Friedensinitiative, genauso wie Jitzchak Rabin (israelischer Ex-Premier).

Sie sehen also nicht, dass die jetzige Führung dazu bereit wäre?

Nein, tue ich nicht. Man braucht Führer mit einer Art heroischem Charakter, nein, eigentlich braucht man Führer, die Meister ihrer politischen Wählerschaft sind. Die die Bedürfnisse der anderen verstehen und anerkennen und die dazu bereit sind, mehr als nur die Gegenwart und die politischen Hemmnisse auszusöhnen. Das ist das Problem.