Edward Snowden hatte Einblick in alle Mails und Gesprächsdaten weltweit. Jetzt hat die Arbeitsweise der NSA offengelegt. ap/reu
Edward Snowden hatte Einblick in alle Mails und Gesprächsdaten weltweit. Jetzt hat die Arbeitsweise der NSA offengelegt. ap/reu

Washington/Brüssel/Wien. (dpa/czar/schmoe/sei/ja) George Orwells Vision von der totalen Überwachung ist Realität - und ein Ex-Mitarbeiter des US-Geheimdienstes NSA hat beschlossen, sich "Big Brother" in den Weg zu stellen. Jetzt hat die US-Regierung einen neuen Staatsfeind Nummer 1. Sein Name: Edward Snowden, Alter 29 Jahre. Seit Sonntag kennt die ganze Welt das Gesicht jenes Mannes, der hinter den unglaublichen Enthüllungen über die Internet-Überwachung durch die US-Behörden steckt. Der unscheinbare junge Mann hat sich selbst geoutet: Er wolle "nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht", lautet die lapidare Erklärung. Jetzt ist Edward Snowden auf der Flucht, versteckt sich am anderen Ende der Welt, in einem Hotelzimmer in Hongkong. Er weiß, dass ihn der lange Arm der US-Behörden greifen wird und hofft trotzdem, dass er irgendwo auf dieser Welt Asyl erhält.

"Die NSA überwacht alle"

Das, was Snowden an die Öffentlichkeit gebracht hat, ist in der Tat haarsträubend: Die NSA hat nicht mehr und nicht weniger als ein weltumspannendes Netz geknüpft, das alles und jeden überwachen kann. Und: Die US-Abhörbehörde vertraut den Generalschlüssel zu dieser Welt auch noch einer großen Zahl von Leuten an. Schließlich war Snowden ein kleines Rädchen im Getriebe der gigantischen Überwachungsmaschine - nicht einmal ein waschechter NSA-Mitarbeiter, sondern bei einer externen Beratungsfirma angestellt. Ein High-School-Abbrecher mit einfacher IT-Ausbildung, kein gestandener Geheimdienst-Analyst.

Und dennoch hätte er nach eigenen Worten sogar die private E-Mail-Adresse des US-Präsidenten ausspionieren können, von der eines Bundesrichters ganz zu schweigen. Die Frage, die sich jetzt viele stellen, ist, wie viele solcher Snowdens es noch in der Schattenwelt der NSA gibt. "Sie haben keine Ahnung, was alles möglich ist", sagt der Flüchtige in dem Interview mit dem "Guardian". "Die NSA hat eine Infrastruktur aufgebaut, die ihr erlaubt, fast alles abzufangen. Mit diesen Möglichkeiten wird der Großteil der menschlichen Kommunikation automatisch und nicht gezielt aufgesogen. Wenn ich in Ihre E-Mails oder in das Telefon Ihrer Frau hineinsehen wollte, müsste ich nur die abgefangenen Daten aufrufen. Ich kann Ihre E-Mails, Passwörter, Gesprächsdaten, Kreditkarteninformationen bekommen. Ich will nicht in einer Welt leben, in der alles, was ich mache oder sage, aufgezeichnet wird", so Snowden. Und: "Die NSA nimmt die Kommunikation von allen ins Visier. Jeder Analyst kann sich jederzeit jeden als Ziel aussuchen. Ich an meinem Schreibtisch hatte die Berechtigung, jeden anzuzapfen."

Einen Journalisten der "Washington Post" warnte Snowden, der Geheimdienst würde diesen "mit ziemlicher Sicherheit töten", wenn dadurch die Enthüllungen gestoppt werden könnten. "Für mich gibt es keine Rettung", fügte er resigniert hinzu. Die Flucht nach Hongkong könnte dem Plot eines Thrillers entstammen.

"Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre haben": US-Präsident Barack Obama verteidigt die Überwachungsprogramme der US-Geheimdienste. - © ap
"Man kann nicht 100 Prozent Sicherheit und 100 Prozent Privatsphäre haben": US-Präsident Barack Obama verteidigt die Überwachungsprogramme der US-Geheimdienste. - © ap

Snowden kopiert die letzten Dokumente, meldet sich krank, sagt seiner Freundin, dass er für ein paar Wochen verreist und steigt ins Flugzeug. In Hongkong verschanzt er sich in einem Hotelzimmer und tippt aus Angst vor Kameras selbst dort seine Passwörter in sein Notebook nur unter einer Decke ein. Verlässt er das Zimmer, stellt er eine Flasche Soja-Sauce hinter die Tür - damit ein unvorsichtiger Besucher Spuren hinterlässt. Sein Schritt aus der Anonymität dürfte da als eine Art Lebensversicherung kalkuliert sein: Denn die Tragweite von Snowdens Vorwürfen ist enorm: Stimmt seine Darstellung von einem nahezu grenzenlosen Aufsaugen der weltweiten Kommunikationsdaten, wären die ganzen sorgsam formulierten Dementis der US-Regierung und der Internet-Konzerne auf einen Schlag bedeutungslos. Welchen Unterschied macht schließlich die Feinheit, ob der US-Geheimdienst "direkt" auf Server von Google oder Facebook zugreifen kann, wenn sowieso alles unterwegs abgefangen wird?

Die US-Behörden weisen hartnäckig jeden Gesetzesverstoß zurück. Der Aufdecker hat allerdings auch berühmte Unterstützer: Daniel Ellsberg etwa, der Anfang der 70er Jahre mit den "Pentagon-Papieren" eine geheime Analyse zur US-Rolle in Vietnam an die Öffentlichkeit brachte, bezeichnete Snowden sofort als "Helden". Und Wikileaks-Gründer Julian Assange warnt einmal mehr vor einem "unheilvollen Zerfall des Rechtsstaats" in den USA. Neben der Bespitzelung von Journalisten und anderen Bürgern kritisiert er den Versuch der Regierung in Washington, sich von den ihr vorgeworfenen Spionage-Praktiken "reinzuwaschen". Für den Filmemacher Michael Moore ist Snowden "der Held des Jahres". Und der österreichische Grünen-Abgeordnete Peter Pilz will Snowden und Bradley Manning - jenem Irak-Soldaten, der US-Militärgeheimnisse im großen Umfang an Wikileaks weiterleitete - Asyl in Österreich gewähren.

Fluchtpunkt Hongkong

Gerade zwei Tage nach dem Treffen zwischen US-Präsident Barack Obama und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, bei dem auch Fragen der Cybersicherheit auf der Tagesordnung standen, taucht Snowden in Hongkong auf. Eine Peinlichkeit für die Vereinigten Staaten: Denn seit Monaten beschuldigen US-Sicherheitsexperten chinesische Geheimdienste, Urheber von Hacker-Angriffen auf die USA zu sein. Nun stellt sich heraus, dass US-Dienste systematisch Computeruser in aller Welt ausspionieren.