Nach Expertenmeinung ist Hongkong aber auf Dauer kein sicherer Fluchtpunkt für Snowden, da er von dort eine Auslieferung an die USA befürchten muss. Ist Snowdens Plan B eine Flucht in die Volksrepublik China? Diese ließe sich von Hongkong aus jedenfalls sehr einfach bewerkstelligen: Eine U-Bahn-Fahrt bis zur Station Lok Ma Chau oder Lo Wu würde Snowden direkt an die Grenze zur chinesischen Mega-Metropole Shenzhen bringen. Chinas Geheimdienste haben Snowden wohl längst im Auge: Büro eins des Militärgeheimdienstes beherbergt mehrere Stockwerke im Zentrum von Hongkong, die Stadt am Perlfluss ist das wichtigste Operationsgebiet chinesischer Dienste. Ob freilich die chinesischen Behörden einen diplomatischen Eklat mit den USA um Snowden riskieren, ist fraglich.

Peking wird sich aber an die Flucht des chinesischen Dissidenten Chen Guangcheng in die US-Botschaft in Peking im April 2012 erinnern, sowie an das Treffen des Vizebürgermeisters von Chongqing, Wang Lijun, mit US-Diplomaten im US-Konsulat in Chengdu im Februar 2012, wo er nach Meinung von Experten Details über einen Skandal um den damaligen Bürgermeister von Chongqing, Bo Xilai, an die US-Diplomaten weitergegeben hat. An das Material Snowdens zu gelangen, wäre ein Triumph für die chinesischen Dienste.

Europa erzürnt

Eine noch größere Belastung stellt der Daten-Spitzel-Skandal für die Beziehungen Washingtons zur EU dar - schließlich wurde hier nicht nur der Rivale China, sondern auch die europäischen Verbündeten bespitzelt. Die Europäer ringen um neue Regelungen für mehr Datenschutz im Internet, an die sich in Zukunft auch US-Unternehmen, die in der EU tätig sind, halten sollen. Und gerade jene Konzerne, von denen der amerikanische Geheimdienst seine Angaben hat, betreiben in Brüssel massiv Lobbying, um die künftigen Unionsgesetze zu entschärfen: Facebook, Microsoft oder Google wollen zwar nicht auf den europäischen Markt verzichten, doch an strenge Regeln möchten sie sich auch nicht halten. Die EU-Kommission zeigte sich jedenfalls "beunruhigt über die möglichen Folgen für das Privatleben der europäischen Bürger". Doch räumt sie ein, dass die Thematik für die EU nicht neu sei. Die Auffassungen der Europäer und Amerikaner über den Datenschutz gehen nämlich nicht erst seit kurzem auseinander.

"Haben euch ausspioniert!"

Ebenso lässt sich den USA nicht vorwerfen, dass sie ihre Tätigkeit besonders verborgen hätten. Im März 200 etwa formulierte der ehemalige CIA-Chef James Woolsey im "Wall Street Journal" Eindeutiges: "Ja, meine kontinentaleuropäischen Freunde, wir haben euch ausspioniert. Und es ist richtig, dass wir Computer einsetzen, um Daten nach Schlüsselwörtern zu durchsuchen."

Europas Reaktionen auf die Ausspähung aus Übersee sind dennoch selten und rein defensiv. Die Existenz des weltweiten Spionagenetzes Echelon, das von Nachrichtendiensten der USA, Großbritanniens, Australiens, Neuseelands und Kanadas betrieben wird, wurde 2001 im EU-Parlament bestätigt. Die Station im deutschen Bad Aibling, die auf Funk- und Satellitenkommunikation in Europa lauschte, wurde dennoch erst 2004 geschlossen.

Auch danach hat die EU-Volksvertretung immer wieder auf die US-Praktiken hingewiesen - wenngleich das Ausmaß und die Systematik, die jetzt bekannt werden, für Empörung sorgen. "Entsetzt" ist etwa der Europamandatar Josef Weidenholzer, der die Sozialdemokraten im Ausschuss für bürgerliche Freiheiten, Justiz und Inneres vertritt. Doch hätten die Abgeordneten davor schon mehrmals infrage gestellt, wie sehr die USA sich an Abkommen zum Datenschutz halten. Die sehen nämlich vor, dass für Angaben von EU-Bürgern zu einem gewissen Maß die - strengeren - europäischen Regeln gelten.