Washington/Hongkong. Das Haus in Waipahu, Hawaii, steht jetzt leer, seit über einem Monat. Edward Snowden lebt nun in einem Hotelzimmer in Hongkong. Dort hofft der Enthüller des Überwachungsskandals rund um den US-Militärgeheimdienst NSA auf politisches Asyl. Täglich sitzt Snowden alleine in seinem Zimmer. Aus Angst verlasse er den Raum kaum, berichten die Journalisten des "Guardian". Ihnen hatte Snowden die geheimen Unterlagen über das Sammeln von Nutzerdaten bei amerikanischen Internetfirmen zugespielt.

Es war ein sicheres Leben, das der 29-Jährige dadurch aufgegeben hat. Mit einem Jahreseinkommen von umgerechnet über 150.000 Euro dürfte es Snowden kaum an etwas gefehlt haben. "Wenn man bereit ist, unfrei, aber bequem zu leben, dann kann man jeden Tag aufstehen, zur Arbeit gehen und für relativ wenig Aufwand einen ordentlichen Gehaltsscheck bekommen." Er selbst aber, erklärt Snowden in dem Video, mit dem er am Sonntag an die Öffentlichkeit ging, habe beschlossen, bei der "Unterdrückung" nicht weiter mitzumachen: "Dann merkt man, dass man bereit ist, jedes Risiko zu tragen, solange die Öffentlichkeit selbst entscheiden darf", sagt Snowden bedächtig. Er spricht während des gesamten Videos auffällig unaufgeregt - dabei ist der US-Amerikaner alles andere als ein abgebrühter Geheimdienstler: Als High-School-Abbrecher absolvierte er eine einfache IT-Ausbildung, bevor er sich 2003 zur US-Armee meldete.

Mehr schlecht als gut

Bei einem Trainingsunfall brach sich Snowden beide Beine - und heuerte schließlich beim US-Geheimdienst NSA an, wo er zunächst als Wachmann arbeitete. Durch seine herausragenden Computerkenntnisse stieg er aber trotz fehlender Ausbildung rasch in den IT-Sicherheitsdienst der CIA auf. Die vergangenen vier Jahre hatte er auf Hawaii als Mitarbeiter mehrerer externer Unternehmen für die NSA gearbeitet.

Seine Tätigkeit habe ihn stark desillusioniert, sagt Snowden: "Ich habe realisiert, dass ich Teil von etwas bin, das mehr Schlechtes als Gutes tut." Den Entschluss, mit internen Informationen an die Öffentlichkeit zu gehen, habe er schon vor langem gefasst und sich reiflich überlegt. Nach der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten im Jahr 2008 wollte der Techniker aber abwarten, ob sich an der Bespitzelungstaktik der NSA etwas ändern werde. Die ausufernde Überwachung der US-Bürger ging weiter. Also setzte Snowden seinen Plan um: Er zog aus dem Haus auf Hawaii aus, bei seinem Chef meldete er sich krank, seiner Freundin erzählte er, dass er für längere Zeit verreisen müsse. Mit den geheimen Dokumenten im Gepäck flog Snowden nach Hongkong und sprach dort mit dem "Guardian".

Seitdem sitzt er in seinem Hotelzimmer. Nachts könne er nicht schlafen, erzählt Snowden. Er gehe davon aus, dass er nie wieder mit seiner Familie oder seinen Freunden Kontakt aufnehmen könne. Auch das Risiko einer Gefängnisstrafe sei ihm von Anfang an bewusst gewesen. Warum also setzte der 29-Jährige alles aufs Spiel? "Ich will nicht in einer Gesellschaft leben, die so etwas macht."