Besonders schmerzt Deutschlands Politiker, dass das Land - stets verlässlicher Partner nach dem Zweiten Weltkrieg - von den USA lediglich als Verbündeter dritter Güte angesehen wird. Während Deutschland als sogenannter "3rd party state" eingestuft wird, gelten laut Geheimdienst-Dokumenten lediglich Großbritannien, Australien, Kanada und Neuseeland als echte Verbündete.

Wie die "Wiener Zeitung" erfuhr, hielten Cyber-Experten des deutschen Auswärtigen Amts zur Causa prima eine Videokonferenz am Montag mit englischen Ressortkollegen ab. Pikanterie: Der britische Geheimdienst GCHQ hat sich in seinem Abhörprogramm "Tempora" auch Zugang zu Internet- und Telefondaten aus Deutschland verschafft.

In die EU-weite Empörung mischte sich Hilflosigkeit. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton, deren Büro für die Außenbeziehungen der Union mit anderen Teilen der Welt zuständig ist, brachte ihre "Besorgnis" zum Ausdruck. Sie habe die US-Behörden gebeten, so rasch wie möglich den Informationen nachzugehen. US-Außenminister John Kerry wies Kritik zurück. Das Sammeln von Informationen über andere Länder sei "nicht unüblich", sagte Kerry nach einem Treffen mit Ashton. US-Präsident Barack Obama versprach aber Aufklärung über das Ausspähen europäischer Behörden. "Wir sind dabei, den Artikel zu prüfen", sagte er mit Blick auf jüngste Veröffentlichungen im deutschen Nachrichtenmagazin "Spiegel". Es sei noch unklar, welche Geheimdienstprogramme darin genau angesprochen worden seien. "Danach werden wir unsere Verbündeten angemessen unterrichten", sagte Obama am Montag .

Freihandelsabkommen EU-USA gefährdet

Die EU-Kommission, die von "verstörenden Nachrichten" sprach, verlangte Aufklärung. Deren Präsident Jose Manuel Barroso veranlasste umgehend eine Sicherheitsüberprüfung in allen EU-Büros weltweit.

Die französische Staatsministerin und für digitale Medien zuständige Politikern Fleur Pellerin hält derzeit als offenbar einzige die mutmaßlichen US-Spionageangriffe auf europäische Regierungs- und EU-Einrichtungen für wenig spektakulär. "Auch wenn das vonseiten einer befreundeten Macht nicht wirklich ein freundschaftlicher Akt ist - das ist nichts Neues", sagte sie.

Dagegen ging Frankreichs Präsident François Hollande viel weiter: Er stellte die Aussetzung der Verhandlungen über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA in den Raum. Solange Washington keine Garantien zur Einstellung der Abhöraktivitäten gebe, könne es keine "Verhandlungen oder Transaktionen" zwischen den USA und Frankreich oder der EU geben. Damit sprach Hollande eines der wenigen Druckmittel an, die der Union unter Umständen zur Verfügung stehen könnten: die wirtschaftlichen Beziehungen. Auf den europäischen Markt würden US-Unternehmen ungern verzichten. Noch in diesem Monat sollten Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen EU und USA starten. Das Vertrauen der Europäer ist jedenfalls erschüttert, zumal mehrere Politiker die Befürchtung geäußert hatten, dass eines der Ziele der Amerikaner schlicht Wirtschaftsspionage war. Auch die Justizkommissarin Viviane Reding deutete an, dass die Vorwürfe an die USA Auswirkungen auf die Arbeiten am Abkommen für die Freihandelszone haben könnten. Die EU könne nicht über einen großen Markt reden, wenn der Verdacht besteht, dass die Büros ihrer Verhandlungsführer ausspioniert werden, erklärte sie.