"USA betreiben keine Industriespionage", meint Moss. - © reu
"USA betreiben keine Industriespionage", meint Moss. - © reu

"Wiener Zeitung": Auf Ihrer Hacker-Konferenz Def Con spielen Teilnehmer das Spiel "Spot the Fed": Erkenne den eingeschleusten Agenten des Federal Bureau of Investigation, kurz FBI. Für den Enttarner gibt es das T-Shirt: "I spotted the Fed". Wie erkenne ich einen FBI-Agenten, einen Fed?

Jeff Moss: Das wird immer schwieriger. Am Anfang war es einfach, weil die Feds alle gleich angezogen waren. Ein guter Tipp waren die Penny Loafers (Schlupfhalbschuhe ohne Schuhbänder; Anm.). Manche Typen von Polizisten, die normalerweise auf der Straße arbeiten, würden ihr Abzeichen und ihre Pistole mit sich herumschleppen. Natürlich versteckt. Aber in Las Vegas ist es grundsätzlich warm und die Menschen haben kurze Hosen und T-Shirts an. Wenn dann wer eine Extra-Jacke anhat, kann man schon einen zweiten Blick wagen. Sobald man die Umrisse der Pistole entdeckt, ist es ziemlich klar: Das ist wohl einer von den Feds. Oft hatten sie auch den gleichen Haarschnitt, also diesen militärischen Kurzhaarschnitt.

Wie ist das heutzutage?

Jetzt haben sie so viele junge Leute, die zum Teil in der Hacker-Szene aufgewachsen sind. Jetzt ist es fast unmöglich geworden, die Feds zu enttarnen. Man muss jetzt eher zufällig etwas mithören.

Bleiben wir kurz bei den T-Shirts: Ich habe gesehen, in den USA kann man sich inzwischen ein T-Shirt mit der Aufschrift "Team Edward" samt Konterfei kaufen, um seine Solidarität für den NSA-Aufdecker zu signalisieren. Haben Sie oder Ihre Freunde so ein T-Shirt?

Ich selbst habe es nicht, aber es würde mich nicht überraschen, wenn ich Bekannte von mir damit sehen würde.

Würden Sie Edward Snowden als Hacker bezeichnen? Er hat sich ja offenbar nicht irgendwo hineinhacken müssen, um an die Informationen heranzukommen?

Es gibt ein Gerücht, von dem ich nicht weiß, ob es stimmt; dass er vielleicht am Netzwerk schon etwas gedreht hat, um an Informationen heranzukommen. Aber ich würde es nicht Hacking nennen, wenn er mit einem gestohlenen Passwort ins Netzwerk hineingekommen ist. Es hört sich nicht an, als wäre er ins System eingebrochen. Ich würde ihn nicht einen Hacker nennen.

Wie sehen Sie Edward Snowden und den ganzen NSA-Skandal?

Ich glaube nicht, dass das, was Snowden getan hat, richtig war. Es hätte verschiedene andere Möglichkeiten gegeben, seiner Sorge Ausdruck zu verleihen. Aber es sieht nicht so aus, als ob er nach einer anderen Möglichkeit gesucht hätte. Ich bin nicht mit dem einverstanden, was er getan hat. Aber jetzt, wo es schon mal passiert ist, haben wir endlich diese Diskussionen über die Grenze der Privatsphäre. Ich wünschte, wir hätten diese Debatte schon vor zehn Jahren gehabt. Jetzt sagt plötzlich der Präsident: "Okay, lasst uns darüber reden." Die Regierung hätte die schon vor Jahren öffentlich anstoßen sollen. Ich billige vielleicht nicht das, was Snowden gemacht hat. Aber wenigstens gibt es jetzt diese Gelegenheit, über Grenzen der Privatsphäre zu diskutieren. Diesen Moment dürfen wir nicht ungenützt verstreichen lassen. Wir brauchen Resultate.

Eine IT-Expertin aus den USA sagte hier in Alpbach, es ist eine utopische Wunschvorstellung, dass Regierungen mit Spionage-Aktivitäten aufhören.

Ja, absolut. Staaten haben sich schon vor dem Internet gegenseitig ausspioniert. Und das werden sie wohl auch in Zukunft tun. Es gibt aber hier einen Unterschied, über den man sehr wenig redet. In den USA haben wir nicht diese Industriepolitik, dass wir Unternehmensgeheimnisse stehlen und sie unseren nationalen Vorzeigeunternehmen zuschanzen. In fast allen anderen Ländern der Welt wird das gemacht; vermutlich in China, vermutlich in Frankreich. In den USA machen wir das nicht. Das Einzige, was wir tun, ist, dass wir versuchen, an militärische Geheimnisse heranzukommen, etwa in Russland. Das wird dann an die US-Militärindustrie weiter geleitet. Oder wir versuchen in China einzubrechen, um Nachschau zu halten, ob die unsere Geheimnisse gestohlen haben.

Wie können Sie sich so sicher sein?

Wenn Sie Leute in der US-Regierung darüber fragen, sagen die praktisch immer: "Das ist nicht der amerikanische Weg." Außerdem, wenn die Regierung beispielsweise Microsoft irgendwelche Vorteile aus Geheimnissen zuschanzen würde, würde Apple sofort klagen, wegen Wettbewerbsverzerrung.

Durch Snowden wissen wir aber, dass die USA alles abhören, zumindest die Möglichkeit haben. Überrascht Sie der Skandal nicht?

Nein, nur das Ausmaß vielleicht und die Kooperationen. Jeder wusste zwar, dass die Verbindungen zwischen den USA und Großbritannien sehr eng sind, aber ich habe nicht gewusst, wie ausufernd die Überwachung seitens Großbritannien war. In manchen Berichten heißt es, die britische Überwachung war größer als die der USA. Wow! Das bedeutet, die geben dafür wirklich viel Geld aus. Ich hatte gedacht, dass die USA die größte Überwachung haben. Und offenbar haben die Briten noch weniger Persönlichkeitsschutz oder irgendwelche gesetzlichen Restriktionen als die USA.

Wie wird sich der Gebrauch des Internets in den nächsten 20 Jahren entwickeln? Sollte es mehr Regeln geben? Und wer soll die beschließen? Knüpft man bei den Usern an -mit einer Art Führerschein für das Internet?