Brüssel/Berlin/Washington.

Europa rüstet sich in der NSA-Abhöraffäre zum Gegenangriff. Als Konsequenz aus den mutmaßlichen Lausch- und Spähattacken des amerikanischen Geheimdienstes fordern immer mehr prominente Politiker, Europa müsse die technologische Vorherrschaft der USA brechen und sich im IT-Bereich unabhängig machen. Frankreich hat verstärkte Anstrengungen angekündigt, um die USA in der Wirtschaftsspionage zu übertrumpfen.

"Die Digitalisierung der Welt darf nicht zu einer digitalen Weltherrschaft führen, die sich die Vereinigten Staaten von Amerika und China teilen", sagte CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt der Zeitung "Die Welt". EU-Justizkommissarin Viviane Reding forderte bereits den Aufbau eines europäischen Geheimdienstes als Gegengewicht zur NSA.

Doch wie kann ein Gegenentwurf zur NSA in der Praxis aussehen? "Wir brauchen ein politisches Projekt, wie Franz Josef Strauß es bei Airbus formuliert hat", sagte Dobrindt. Die europäische Politik hatte 1970 gezielt den multinationalen Konzern geschaffen, um ein Konkurrenzunternehmen zum US-Konzern Boeing zu schaffen, der den Markt für Verkehrsflugzeuge über Jahrzehnte dominiert hatte.

Neue Enthüllungen

Unterdessen werden neue Enthüllungen über das Ausmaß der Spionage bekannt. So sollen sich die USA in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten ein dichtes Spionagenetz aus Geheimdiensten und militärischen Einheiten aufgebaut haben. Rund 30 Firmen helfen laut "Stern" mit, Agenteneinsätze zu koordinieren, abgefangene Gespräche zu analysieren oder Soldaten in Techniken der Spionage zu trainieren. Zudem sind sie mutmaßlich sogar daran beteiligt, von Stuttgart aus tödliche Drohneneinsätze in Afrika zu koordinieren - in der Landeshauptstadt Baden-Württembergs ist das afrikanische Kommando des US-Militärs stationiert.

Und im Vatikan soll sogar der Papst ausspioniert worden sein. Das italienische Nachrichtenmagazin "Panorama" berichtete, Gespräche von hochrangigen Geistlichen im Vatikan seien bis vor dem Konklave am 12. März abgehört worden. Bespitzelt seien auch Telefongespräche worden, die in der "Domus Internationalis Paul VI." in Rom geführt wurden, der Residenz, in der Kardinal Jorge Mario Bergoglio - der künftige Papst Franziskus - mit anderen Kardinälen vor seiner Papst-Wahl wohnte Der Sprecher des Papstes dementierte den Bericht.

Alles andere als ein Dementi zu den Spionagetätigkeiten kommt auch von anonym bleiben wollenden US-Quellen. Behauptungen aus dem Weißen Haus, Präsident Barack Obama sei sich nicht im Klaren über die Spionage gegen ausländische Spitzenpolitiker gewesen, seien "lachhaft", zitierte das US-Magazin "Foreign Policy" mehrere ehemalige Regierungsvertreter.

"Alle wussten es"

Die Überwachungspraktiken der USA waren nach Einschätzung des russischen Außenministers Sergej Lawrow auch Abhöropfern wie Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel bekannt. "Ich bin überzeugt, dass alle es wussten oder zumindest damit rechneten", so Lawrows Kommentar.

Laut "Washington Post" hat sich die NSA auch in die Leitungen von Rechenzentren der Internetkonzerne Google und Yahoo eingeklinkt. Auf diese Weise sei die Spionagebehörde in der Lage, Daten von hunderten Millionen Nutzerkonten abzugreifen. Die neuen Enthüllungen seien in ihrer Detailtiefe beispiellos, heißt es in dem Zeitungsbericht.