Seoul/Washington. In Nordkorea ist wenige Tage nach dem Hacker-Angriff auf das Hollywood-Studio von Sony Pictures stundenlang das Internet ausgefallen. Vertreter der US-Regierung erklärten am Dienstag, nichts mit dem Vorfall zu tun zu haben. Allerdings hatte US-Präsident Barack Obama erst vergangenen Freitag Nordkorea vorgeworfen, hinter dem Ausspähen der Sony-Firmen-Computer zu stecken und Konsequenzen angekündigt. Auch China, das von den USA um Hilfe gegen Nordkorea gebeten worden war, wies jegliche Verwicklung in den Zusammenbruch der nordkoreanischen Internet-Verbindungen zum Ausland zurück.

Nordkorea war am Montag für Stunden vollständig von internationalen Datennetzwerk abgeschnitten. Erst am Dienstag konnten alle Verbindungen wieder hergestellt werden. Die auf Internet-Sicherheit spezialisierte US-Firma Dyn erklärte, die Gründe für den Kommunikationsausfall könnten von einem Hacker-Angriff bis zu technischen Pannen reichen. Nach Angaben der Firma wurde das nordkoreanische Internet am Montag zunächst instabil und wurde danach ganz vom Rest der Welt getrennt.

Nordkorea steckt nach Ansicht von US-Ermittlern hinter dem Angriff von Hackern auf das Sony-Studio, der sich gegen den Film "The Interview" richtete. In der Satire geht es um ein Attentat auf Nordkoreas Herrscher Kim Jung Un. Die Angreifer haben erbeutete Daten der Firma veröffentlicht. Das Filmstudio hat nach Drohungen gegen Kinos, in denen der Streifen gezeigt werden sollte, die Veröffentlichtung des Films abgesagt.

AUCH HACKER-ANGRIFF AUF SÜDKOREANISCHE ATOMMEILER

Nordkorea könnte nach Angaben südkoreanischer Ermittler auch hinter dem Hacker-Angriff auf die Betreibergesellschaft der 23 Atommeiler Südkoreas stecken. Am Montag waren Unbekannte in das Daten-Netzwerk des staalichen Unternehmens eingedrungen. Präsidentin Park Geun Hye erklärte, die Internet-Attacke auf Korea Hydro and Nuclear Power (KHNP) sei schwerwiegend und inakzeptabel. Nach Angaben des Betreibers der Atomkraftwerke sind jedoch keine kritischen Daten gestohlen worden.

Nordkorea bestreitet, Drahtzieher der Angriffe auf das Hollywood-Studio zu sein. Allerdings hatte das international isolierte Land gewarnt, die Veröffentlichung des Films "The Interview" komme einem Kriegsakt gleich. Mit Südkorea befindet sich das Land noch formell im Kriegszustand. Zwischen nord- und südkoreanischen Grenztruppen ist es in der Vergangenheit wiederholt zu Zwischenfällen gekommen.

Der Konflikt zwischen dem Westen und Nordkorea wird auch im UN-Sicherheitsrat ausgetragen. Gegen den Widerstand von Russland und China wurde in dem Gremium über mutmaßliche Menschenrechtsverletzungen des Staates gesprochen. Hintergrund ist ein UN-Bericht, wonach in Nordkorea systematisch gefoltert wird, politische Morde üblich sind und Gefangenenlager ähnlich den Konzentrationslagern der Nazis unterhalten werden. Mehrere UN-Mitglieder hatten den Sicherheitsrat aufgefordert, den Fall vor den Internationalen Strafgerichtshof zu bringen.

Nordkoreas Internet: Ein leichtes Ziel für Hacker
Die Hintergründe für den stundenlangen Ausfall des Internets in Nordkorea sind bislang nicht geklärt. Sofort machte aber die Vermutung die Runde, ein Cyber-Angriff von außen sei die Ursache gewesen. Hauptverdächtiger waren zunächst die USA, nachdem Präsident Barack Obama Nordkorea für den Hacker-Angriff auf das Hollywood-Studio Sony Pictures verantwortlich gemacht und Konsequenzen angekündigt hatte.

Tatsächlich wäre es für Computer-Experten keine große Kunst, das technisch rückständige Netz Nordkoreas lahmzulegen. In jedem Fall aber dürften sich die Folgen in Grenzen gehalten haben. Denn in kaum einem Land ist das Internet weniger verbreitet als in dem nahezu vollständig abgeschotteten kommunistischen Staat.

Gerade einmal etwa 1000 Internet-Adressen sind in Nordkorea vergeben, wo immerhin 24 Millionen Menschen leben. Es gibt nur einen Provider und - abgesehen von möglicherweise ein paar Satelliten-Knüpfpunkten - nur eine Verbindung in die Außenwelt, und zwar über China. Im Vergleich zu anderen ähnlich verarmten Staaten mit entsprechender Bevölkerungszahl, etwa Afghanistan, ist das de facto vernachlässigbar. Nordkorea ist "eines der am wenigsten angeschlossenen Länder der Welt", sagt Matthew Prince, Chef des US-Dienstleisters CloudFlare, der sich unter anderem auf den Schutz von Webseiten vor Internetangriffen spezialisiert hat.

Nordkoreas Netz zählt auch zu den am leichtesten verwundbaren, sagt Jim Cowie. Er ist Chefwissenschaftler bei der US-Firma Dyn, wo Verbindungsdaten ausgewertet werden. Das Netzwerk sei traditionell anfällig und "provinziell". Wieviel Verkehr es aushält, bevor es zusammenbricht, ist nicht bekannt. Aber Prince schätzt, dass es maximal zehn Gigabyte pro Sekunde sein dürften. Das ist nichts für jemanden, der den Dienst gezielt blockieren will, indem er Webseiten in Nordkorea mit einer Flut von Internet-Anfragen überschüttet, bis diese und letztendlich das gesamte Netzwerk sie nicht mehr verarbeiten können und aufgeben.

Heutzutage werden bei solchen DDoS-Attacken schnell mal Hunderte Gigabytes pro Sekunde abgefeuert, meist in Form von völlig sinnlosem Traffic. Erst vergangene Woche etwa bekannte sich ein 17-jähriger Londoner schuldig, hinter einer DDoS-Attacke auf eine Antispam-Organisation zu stecken. Die Datenflut-Stärke betrug dabei zeitweise 300 Gigabyte pro Sekunde.

AUCH ANDERE URSACHEN FÜR AUSFALL DENKBAR

Allerdings spricht im Falle Nordkoreas auch einiges gegen einen Hacker-Angriff. CloudFlares Chef Prince verweist etwa auf die Tatsache, dass das Netz nach nur einigen Stunden wieder funktionierte. Das sei zumindest für Cyber-Attacken, die von staatlichen Stellen im Ausland ausgingen, untypisch.

US-Regierungsvertreter haben Vorwürfe umgehend zurückgewiesen, die Vereinigten Saaten könnten hinter dem Ausfall in Nordkorea stecken. Auch China erklärte, nichts mit dem Zusammenbruch zu tun zu haben. Nordkoreas Verbindung nach Außen läuft über das Netzwerk des staatlichen chinesische Telekommunikationsunternehmens China Unicom.

Denkbar ist aber laut Prince auch, dass die Regierung in Pjöngjang das Internet selbst abschaltete - etwa, um ihre Bevölkerung vor Berichten über die Auseinandersetzung um den von Nordkorea scharf kritisierten Film "The Interview" abzuschotten.

Letztendlich könnte es auch schlichtweg ein technisches Problem gewesen sein. Etwa der Ausfall einer Hardware, wie einem Router.

Nur halbherziges Dementi der USA zu Cyber-Attacke auf Nordkorea
Nach dem stundenlangen Ausfall der Internetverbindung Nordkoreas zur Außenwelt haben die USA die Beteiligung an einer möglichen Cyber-Attacke nur halbherzig dementiert. "Ich denke, Unfälle passieren schon einmal", sagte ein Angehöriger der US-Regierung der "New York Times".

  US-Außenministeriumssprecherin Marie Harf betonte laut dem Blatt, man werde "Details einer möglichen Reaktions-Möglichkeit" nicht öffentlich besprechen. Es würden jedoch bei Antworten der USA auf die Cyber-Attacke auf Sony in der Vorwoche "manche sichtbar sein, manche vielleicht nicht". Gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters hatten zuvor mehrere US-Regierungsvertreter erklärt, die USA haben keine Cyber-Attacken gegen Nordkorea vorgenommen.