Allerdings versteckt sich - wie so oft - auch im deskriptiven Gewand dieses Satzes ein normativer Gehalt. Denn Sofsky postuliert hier, was Privatheit im Idealfall sein sollte. Und gerade er zeigt in seiner Streitschrift an vielen Beispielen, dass die wehrhafte Vorstellung von der "Festung des einzelnen" niemals rein verwirklicht worden ist. Immer schon musste das Recht auf Privatheit, so Sofsky "gegen den Zugriff staatlicher Macht ebenso verteidigt werden wie gegen Übergriffe aus der Gesellschaft". Aber weil das immer so war, sind Kämpfer wie Sofsky geübt im Gebrauch ihrer Argumente, sodass sie auch angesichts der aktuellen Bedrohungen nicht verzagen müssen.

Ein Blick zurück

Es ist ja wahr: Der private Bereich war niemals eine völlig geschützte Sphäre. Die Gesellschaft, die Öffentlichkeit, das soziale Umfeld (das sind alles nur unterschiedliche Aspekte derselben Sache) haben seit jeher mächtig in die Freiräume hineinregiert, und sie bedurften dazu keiner Computer oder Smartphones; auch handelte es sich durchaus nicht immer um diktatorische Verhältnisse.

Dazu eine Geschichte aus einer mittelgroßen deutschen Stadt. Dort lebte in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts ein älterer Herr, der ein bisschen auffällig war. Er war modischer gekleidet als die anderen Honoratioren, sein Haar war mit Pomade gekämmt, sein Rasierwasser hatte eine eigenwilligere Duftnote als ortsübliche Marken.

Dieser Herr, von Beruf Juwelier, war ein Objekt des Klatsches. Man erzählte hinter der berühmten "vorgehaltenen Hand", er sei ein "Süßer" oder ein "Warmer"; manche bezeichneten ihn gar als "Schwulen", was das bösartigste aller Schimpfworte war. Andere bemühten sich um eine nicht-diskriminierende Sprache und sagten wertfrei, der Juwelier sei "homosexuell veranlagt" (die Vorstellung, dass Homo- bzw. Heterosexualität keine Anlagen seien, sondern bloß "Orientierungen", war damals noch nicht verbreitet).

Dennoch reden wir von einem angesehenen Bürger seiner Stadt. Er war witzig und hatte kultivierte Umgangsformen, man kaufte gerne bei ihm und plauderte mit ihm auf der Straße über Unverfängliches. Dass über ihn getratscht wurde, wird er gewusst haben, aber er schwieg dazu.

Weil er aber selbst seine Homosexualität als strikte Privatangelegenheit behandelte, wurde sie auch von denen geduldet, die abschätzige Reden führten, wenn er nicht dabei war. Hätte der Juwelier mit einem Liebhaber in einem Kaffeehaus geschmust, wäre die Toleranz bald am Ende gewesen. Aber eine solch indezente Aktion lag ihm genauso fern wie all seinen Mitmenschen, die ihre Hetero-Liebsten auch nicht in aller Öffentlichkeit abgeküsst haben.

Diese Erinnerung ans 20. Jahrhundert illustriert anschaulich jene fein austarierte Balance von privat und öffentlich, die man als "liberal" bezeichnet. Ihr wichtigster sozialer Träger ist das Bürgertum und ihr spezifisches Merkmal ist die strikte Trennung der Bereiche: Während der Mensch im Privaten weitgehend unbehelligt bleibt, ist er in der Öffentlichkeit an allseitig akzeptierte Verhaltensregeln gebunden. Freilich gehorcht dieses nuancierte Benehmen vor allem den sogenannten "ungeschriebenen Gesetzen", weshalb es seit eh und je zu den Aufgaben der bürgerlichen Erziehung gehört hat, ein sicheres Gespür für die Unterschiede zwischen öffentlichem und privatem Verhalten zu entwickeln.

Allerdings ist dieses liberale Modell von antibürgerlichen Kräften immer in Frage gestellt worden. Manchen Kritikern erschien es als verlogen, weil es dazu verführt, daheim anders zu reden als im Büro. Ebenso wurde der Vorwurf der relativen Unfreiheit erhoben, weil das Ausleben individueller Wünsche zwar erlaubt ist, aber nur in der Enge des privaten Kreises. Diese Kritiken treffen gewiss etwas Richtiges, übersehen aber zugleich die unaufdringlichen Freiheitspotenziale des bürgerlichen Liberalismus.

Politik statt Privatheit

Auch jene "Studentenbewegung", die bis heute mit der Jahreszahl "1968" verbunden wird, polemisierte nicht nur gegen das Privateigentum an den Produktionsmitteln, sondern auch gegen die Differenzierung zwischen privater und öffentlicher Sphäre. Parolen wie "das Private ist politisch" forderten dazu auf, all jene Lebensgewohnheiten, die man bis dahin als Privatangelegenheit angesehen hatte, öffentlich zu überprüfen. Das ging angeblich so weit, dass besonders radikale Wohngemeinschaften oder "Kommunen" die Toilettentüren aushängten, um selbst dieses Refugium der individuellen Intimität dem kollektiven Einblick zu unterwerfen.

Das mag eine boshaft erfundene Anekdote sein - wahr ist jedoch, dass sich seit den späten sechziger Jahren eine weitgehende Politisierung des Alltags vollzogen hat. Insbesondere ist die (Homo)-Sexualität keine Privatangelegenheit mehr, sondern Bestandteil des öffentlichen Diskurses. Wenn heute zärtliche Lesben in einem Wiener Kaffeehaus zur Ordnung gerufen werden, finden sich sofort Tausende zusammen, um öffentlich gegen "Homophobie" zu demonstrieren.

Als Organisationsplattform dieser Demos werden natürlich soziale Medien wie Twitter und Facebook eingesetzt. Aber die Ansicht, dass Küsse unter Liebenden keine Privatsache seien, sondern von höchstem öffentlichen Interesse, entstammt nicht dem Internet. Sie ist eine der Errungenschaften jener Alternativbewegungen, die seit den siebziger Jahren den westeuropäischen politischen Diskurs mitbestimmen: Feministinnen, Grüne, NGOs - kurz all jene, die heute unter dem Überbegriff "Zivilgesellschaft" zusammengefasst werden. Für sie gibt es, überspitzt gesagt, keine privaten Freiräume, oder jedenfalls keine, in denen der Mensch anders reden oder handeln dürfte als im Lichte der medial durchleuchteten Öffentlichkeit. Es ist kein Geheimnis mehr, dass dieser oder jener Politiker schwul, diese oder jene Sportlerin queer ist. (Kritiker wie Sofsky würden jedoch bemängeln, dass es kein Geheimnis mehr sein darf, und würden darin einen totalitären Zug erkennen.)