Dennoch: Das alte Wechselspiel von allseits akzeptierter Konvention und einer gewissen Großzügigkeit im Privaten ist noch nicht ganz ausgestorben. Wer heute das Recht auf Privatheit verteidigt, meint damit in der Regel noch immer jenes alte, liberal-bürgerliche Gesellschaftsmodell, Privateigentum inklusive, das seit Jahrzehnten in der Kritik steht. Es gibt nach wie vor genug Menschen, die der Ansicht sind, Sexualität (oder Religion oder Fleischkonsum oder Fahrradfahren) seien individuelle, private Angelegenheiten, die nicht öffentlich zur Disposition gestellt werden sollten.

Wer diese Vorbehalte gegen das Öffentlich-Werden ureigenster Belange im Internet oder anderswo äußert, muss mit Vorwürfen rechnen. Deshalb behandeln viele Liberale auch ihre Bedenklichkeiten wie Privatgeheimnisse oder garnieren ihre Kritikpunkte mit dem defensiven, leicht genierten Satz "Das darf man ja heute nicht mehr sagen".

Ein vorläufiges Fazit

Man sieht also, die Lage ist unübersichtlich, und das Label "Post-Privacy" beschreibt sie durchaus nicht (oder noch nicht) zutreffend. Eine gute "deskriptive" Darstellung findet sich dagegen in der Abhandlung "Privatheit", die der britische Philosoph Raymond Geuss verfasst hat. Dort steht ein Satz, der hier als Fazit dienen kann: "Ich möchte hier die These vertreten, dass es nicht eine einzige klare Unterscheidung zwischen öffentlich und privat gibt, sondern vielmehr eine Reihe überlappender Gegensätze, und dass der Unterscheidung zwischen dem Öffentlichen und dem Privaten daher nicht die Bedeutung beigemessen werden sollte, die ihr oft zugeschrieben wird." So ungefähr könnte es sich zur Zeit wohl verhalten.

So. Und nachdem der Schreiber dieser Zeilen das alles brav dargelegt hat, schaltet er seinen Laptop aus, dreht sein Handy ab, verlässt sein Büro und verschwindet. Und sein kleiner Akt der Freiheit besteht darin, dass er jedem, der ihn fragt, wohin er geht, in aller Ruhe ins Gesicht sagt: "Ich finde, das geht Sie gar nichts an."

Hermann Schlösser, geboren 1953 in Worms, ist Redakteur des "extra" und Literaturwissenschafter. 2014 erschien das von ihm herausgegebene Lesebuch "Wormser "Fundstücke" (Worms Verlag).