Wien. "Wir sind im digitalen Biedermeier", sagt Aaron Kaplan vom Computer Emergency Response Team Austria (Cert.at). Die jüngsten Snowden-Enthüllungen rund um den SIM-Karten-Hack des niederländischen Herstellers Gemalto sorgen für Aufregung. Wieder einmal. Berichten des Portals "The Intercept" zufolge sollen der US-Geheimdienst NSA und sein britisches Pendant GCHQ ab 2010 Gemalto-SIM-Karten entschlüsselt haben. Dokumenten des NSA-Enthüllers Snowden zufolge sollen sich die Nachrichtendienste auf diese Art Zugriff auf Gespräche, SMS, Standortdaten, Mails und vieles mehr von Handynutzern weltweit verschafft haben. Gemalto-SIM-Karten sind auch in Österreich in Umlauf. Wie viele Karten tatsächlich vom Datenhack betroffen sind und ob Gemalto der einzige gehackte Hersteller ist, ist noch unklar. Das Innenministerium will die "Informationen noch bewerten und dann überprüfen".

Angesichts der jüngsten Enthüllungen wird wieder der Ruf nach politischer Verantwortung und Aufarbeitung laut. Grünen-Sicherheitssprecher Peter Pilz nennt die Vorfälle einen "Super-GAU" und fordert politische Aufklärung und eine klare Position der Bundesregierung und der EU gegen die "kriminellen Aktionen der NSA". "Die Regierung benimmt sich wie der kleine Bruder gegenüber dem großen Bruder", sagt Pilz zur "Wiener Zeitung".


Link-Tipps
"The Intercept"
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Auch in der Telekombranche verlangt man hinter vorgehaltener Hand politische Verantwortung und scharfe Worte in Richtung USA und Großbritannien. "Es kann doch nicht sein, dass ein EU-Land einfach europäische Unternehmen ausspäht", sagt ein Insider. Wie bei allen Snowden-Enthüllungen seit 2013 ist mit politischen Konsequenzen aber wohl nicht zu rechnen. Dafür sind die Beziehungen zu den britischen und den US-Behörden zu gut, um aufs Spiel gesetzt zu werden. Auch Österreichs Behörden stehen in regem Austausch mit Nachrichtendiensten aus den USA und anderen EU-Ländern. Aber der Reihe nach.

Alle lesen mit

Konkret soll es den Nachrichtendiensten gelungen sein, die sogenannten KI-Masterschlüssel der SIM-Karten zu hacken. Streng genommen wurde also nicht die Karte an sich gehackt, sondern der Code, der die Informationen verschlüsselt und so für Dritte uneinsehbar macht. Theoretisch können die Dienste so alle Telefonate, SMS, Mails aber auch Banktransaktionen und überhaupt alles, was über das Smartphone gemacht wird, mithören und mitlesen. "Die Slides (von Edward Snowden, Anm.) sind sehr eindeutig", sagt Kaplan von Cert.at. Er geht davon aus, dass unzählige SIM-Karten kontaminiert worden sind, wobei das Ausmaß noch unbekannt sei.