Schaut ganz zutraulich aus - könnte aber auch ein ukrainischer Militärdelfin sein. - © dpa/Daniel Karmann
Schaut ganz zutraulich aus - könnte aber auch ein ukrainischer Militärdelfin sein. - © dpa/Daniel Karmann

Berlin. Ein Astronaut wird kommen. Ein Adorno-Preisträger. Und der Chef von Netflix ebenfalls. Nach Berlin, zur re:publica, Deutschlands bedeutendster Internetkonferenz, auf der vom 5. bis zum 7. Mai über 6.000 Besucher erwartet werden.


Links
Der komplette Zeitplan der re:publica
wienerzeitung.at ist nicht verantwortlich für die Inhalte externer Internetseiten.

Wobei das Netz als öffentliche Sache, als res publica, beinahe alle Bereiche unseres Lebens durchdringt und dementsprechend sich die re:publica längst als "Gesellschaftskonferenz" definiert. Ihr Themenspektrum reicht denn auch von Politbloggern in Subsahara-Afrika bis zum Ausverkauf der YouTube-Teeniehelden, von transhumanistischen Cyborg-Visionen bis zu neuen journalistischen Finanzierungsmodellen, von philosophischen Auseinandersetzungen mit abstrakten Begriffen über handfeste Workshops ("3D-Drucker für Anfänger") bis hin zu hartem Nerd-Material wie der "Quelltextlesung", wo ein Programmcode gezeigt und in seinen kulturellen Kontext eingeordnet wird.

Klassentreffen

2007 startete die re:publica mit nur 700 Besuchern als eine Art Klassentreffen der deutschsprachigen Blogger-Szene. Die meisten von ihnen stammen aus dem Teil des Internets, wo man Fortschritt mit freundlicher Neugier begegnet und ihn als eine Chance der Mitgestaltung begreift - all das aber auch kritisch hinterfragt. Das Organisationsteam der re:publica steht dem Netzaktivisten-Verein "Digitale Gesellschaft" nahe, der Themen wie Überwachung oder Netzneutralität schon seit vielen Jahren beackert - Themen, die in Deutschland durch die geplante Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung oder auch die neuen Enthüllungen über die Zusammenarbeit von Bundesnachrichtdienst und NSA von aktueller Brisanz sind.

Der Anspruch, mehr als eine Internetkonferenz zu sein, spiegelt sich auch im Oberthema "Finding Europe". Man wolle sich "auf die Suche nach dem Neuen in dieser ,Alten Welt‘" machen und den "digitalen Kulturraum Europa beleuchten". Nun - das geht ein wenig unter im Riesengewimmel des re:publica-Zeitplans.

Allein 450 Rednerinnen und Redner werden erwartet, stolz verweisen die Veranstalter auf deren Herkunft aus über 45 Ländern sowie einen Frauenanteil von rund 40 Prozent im Publikum und auf den Bühnen. Zusammen mit den zahlreichen Sub-Konferenzen (etwa dem "re:cord Musicday", der "Fashiontech" und einer "Media Convention") werden auf 17 Bühnen über 300 Stunden Programm gemacht, von dem fast alles live ins Netz gestreamt wird - das meiste nur als Audiospur, von der Hauptbühne aber auch mit Bild. So kann man also auch aus Österreich zusehen, wenn Alexander Gerst - alias @astro_alex - über seine sechs Monate auf der ISS-Raumstation berichtet (Mittwoch, 15 Uhr). Oder wenn Reed Hastings seine Einschätzungen zur Zukunft des digitalen Entertainments gibt und von den Plänen seiner Streaming-Plattform Netflix erzählt (Dienstag, 16 Uhr). Oder wie der beinahe 90-jährige Soziologe Zygmunt Bauman die Welt in seiner Keynote "From Privacy to Publicity" vermisst (Donnerstag, 12.30 Uhr).

Internet-Alphabetisierung

Die Netzfeministin Anne Wizorek, Mit-Initatorin des #aufschrei-Hashtags, spricht über das Fortbestehen von diskriminierenden Machtstrukturen im Netz und wie vermeintlich harmlose "Shitstorms" und "Trolle" die Meinungsfreiheit von Minderheiten einschränken (Donnerstag, 10 Uhr, Bühne 1). Die ist auch durch mangelnde Grundbildung gefährdet: Nur wer mit dem Internet umgehen kann, kann darin gestalten. Maßnahmen und Ideen für eine "Web Literacy", also eine Internet-Alphabetisierung, wird deswegen Michelle Thorne referieren (Donnerstag, 16.45 Uhr), die Direktorin des Mozilla Learning Networks.

Zum Thema Überwachung will unter anderem der US-amerikanische Autor und Blogger Cory Doctorow aufzeigen, warum Stasi-Vergleiche der NSA nicht gerecht werden - und wie sich die Arbeit von Geheimdiensten im IT-Zeitalter strukturell geändert hat (Mittwoch, 16.15 Uhr). Aber es gibt eben auch eine Einführung in das Bestiarium der "Spy animals" (Mittwoch, 19.15 Uhr) - das von einem 2011 in Saudi-Arabien verhafteten Geier über Hunde, Enten und Eichhörnchen bis zu ukrainischen Militärdelfinen reicht.