Berlin. Peinliche Ironie. Am Freitag noch die Debatte im Bundestag über ein digitales Sicherheitsgesetz für Unternehmen, das für mehr Sicherheit im Datenverkehr sorgen soll, während das deutsche Parlament dem jüngsten Hackerangriff schutzlos gegenüber steht. Infiziert wurde das IT-Netzwerk durch Malware über einen E-Mail-Anhang, den jemand im Bundestag geöffnet hat.

Die Erneuerung des Systems des Deutschen Bundestags nach dem schweren Hackerangriff soll mindestens ein Jahr dauern. Wie die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (F.A.S.) unter Berufung auf Sicherheitsfachleute berichtete, könnte die Beseitigung der Schäden und die Installation eines neuen Systems "mindestens ein Jahr, vielleicht auch zwei" benötigen.

Telekom-Tochter soll Schäden beseitigen

Unter anderem müsse die gesamte Software des Bundestags ausgetauscht werden. Diese Aufgabe soll das Unternehmen T-Systems übernehmen, das zur Deutschen Telekom gehört.

Demnach gibt es im Bundestag Kritik daran, dass der Bundestag 2009 - anders als der Bundesrat - beschlossen hatte, sich nicht dem Netz der deutschen Regierung anzuschließen, das vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) überwacht wird. Fachleute sind sich einig, dass der Angriff keinen Erfolg gehabt hätte, hätten die Regeln des BSI auch im Bundestag gegolten. "Die Chance wäre um einiges größer gewesen, den Angriff abzuwehren," sagte der CDU-Abgeordnete Clemens Binninger der FAS.

Der Angriff der Hacker gilt als weitaus schwerwiegender als zunächst dargestellt. "Man muss sich vorstellen, ein ausländischer Nachrichtendienst hätte den Generalschlüssel zu allen Büros und Aktenschränken des Bundestags erbeutet und kann sich bedienen", sagte die Grünen-Abgeordnete Steffi Lemke der FAS. Nach Ansicht von Fachleuten können die Angreifer durch sogenannte key logger auch gefälschte Mails erstellen, die echt wirken, beispielsweise aus dem Büro der Abgeordneten Angela Merkel.

Ausländischer Nachrichtendienst unter Verdacht

Im Mai hatten IT-Experten einen hochprofessionellen Hackerangriff auf das Computernetzwerk des Parlaments entdeckt, der offenbar noch nicht vollkommen unter Kontrolle ist. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) sagte am Donnerstag, es komme seit zwei Wochen anscheinend nicht mehr zu Datenabflüssen, doch sei der Angriff noch nicht "endgültig abgewehrt". Der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) sieht hinter dem Cyberangriff einen ausländischen Nachrichtendienst. Der Minister empfahl dem Bundestag am Freitag, ein speziell abgeschirmtes Netzwerk nach dem Vorbild der deutschen Regierung aufzubauen.