Wien. Mit dem Einzug Sozialer Netzwerke haben sich auch negative Effekte wie das Cybermobbing eingestellt, die nicht zuletzt viele junge User betreffen. Eine Fachenquete des Berufsverbands Österreichischer Psychologen (BÖP) widmete sich kürzlich in Wien dem Thema. "Eltern lassen viel durchgehen oder verschließen die Augen", definierte Social-Media-Experte Philip Sinner die Situation in Österreich.

Wenn es dann bei der Internetnutzung tatsächlich zu einer bedrohlichen Situation für die Kinder und Jugendlichen kommt, wird von den Erziehungsberechtigten mit radikalen Maßnahmen wie einem Internetverbot vorgegangen. Bis dahin herrscht jedoch die Vogel-Strauss-Strategie. Dies erklärte Sinner im Gespräch zum einem mit dem katholischen Background in Kombination mit der Obrigkeitshörigkeit. Das Verhalten der Eltern mit den potenziellen Gefahren aus dem Web sei in den katholischen Gebieten Deutschlands ähnlicher Natur.

Aufholbedarf gebe es in mehreren Aspekten, berichtete Sinner, Kommunikationswissenschafter an der Universität Salzburg, unter Bezugnahme auf Ergebnisse des Forschungsnetzwerkes "EU Kids online". "Das Smartphone wird von Eltern in Österreich nur sehr wenig kontrolliert", nannte der Experte einen Aspekt. Und der Einstieg in die virtuelle Welt erfolgt immer früher. "Es ist das Kleinkinderalter, die Zeit des Kindergartens", sagte die Medienpädagogin Barbara Buchegger.

Prävention im Netz

"Wollen wir unsere Kinder schützen oder wollen wir sie stärken, damit sie schneller in der Lage sind, Gefahren zu erkennen?", lautete die rhetorische Frage von Buchegger zu den potenziellen Gefahren durch Sexting, Happy Slapping und dem zahlenmäßigen Hauptproblem Cybermobbing. "Ich bin für die letztere Variante", so die Expertin von saferinternet.at. Die aus rund 40 Personen bestehende Initiative bietet Workshops an Schulen an, die der Prävention im Netz dienen.

Die Fakten sprechen für sich: 2010 lag das Einstiegsalter ins Netz in Österreich noch bei zehn Jahren, in Dänemark und Schweden lag es damals bereits bei sieben Jahren. Eine Umfrage auf saferinternet.at zeige, dass 2013 bereits 41 Prozent der Drei- bis Sechsjährigen einmal pro Woche im Internet waren, ergänzte Sinner.

Die Methode mit Filtern, die bestimmte Webseiten sperren, wirkt bei den "Digital Natives" nicht immer: "Kinder sagen, auf Youtube gibt es eh alle Anleitungen, wie man diese wieder entfernt", berichtete Buchegger aus der Praxis. Also kann es nur darum gehen, den Kindern problematische Situationen im Netz zu vermitteln - und das möglichst früh. Sehr schnell erhält der heimische Nachwuchs ein eigenes mobiles Gerät. "Das erste Handy gibt es etwa zur Erstkommunion, dies zeigen uns die Nachfragen aus den dritten und vierten Volksschulklassen, wenn dann die ersten Probleme auftauchen."

Anderer Umgang mit Risiken nötig

Deutsche Eltern verbieten laut Sinner am stärksten in ganz Europa, woraus die niedrigsten Risikoerlebnisse resultieren, aber auch geringeres Ausschöpfen von Chancen. "Ein Risiko ist nicht unbedingt negativ. Niemand würde seinem Kind etwa das Fahrradfahren verbieten, obwohl es offensichtliche Risiken birgt", argumentierte Sinner passend zum Titel der Veranstaltung "Social Media - Licht und Schatten aus psychologischer Sicht".

Skandinavien zeige etwa eine überdurchschnittliche Nutzung, aber wenig Schaden für die Kinder. Der Grund seien die aktiven Mediationsstrategien der Eltern sowie wenige restriktive Maßnahmen - "Skandinavien ist der Cluster, aus dem wir gut lernen können", folgerte daher der Experte. Denn noch würden hierzulande "passive Vermittlungsstrategien der Eltern" dominieren.

"Kinder sind nicht nur wehrlose Opfer"

Cybermobbing und Sexting heißen zwei Begleiterscheinungen in der Welt der Sozialen Netzwerke. "Kinder sind nicht nur wehrlose Opfer. Sie sind manchmal Opfer, aber oft sind es die Personen, die mitbekommen, was anderen passiert - und sie sind auch die Täter, die es anderen antun", sagte Medienpädagogin Barbara Buchegger bei der Fachenquete des Berufsverbands Österreichischer PsychologInnen (BÖP).

Cybermobbing, das bewusste Fertigmachen einer Person über längere Zeit, ist dabei stark mit dem sogenannten Sexting verbunden. "Im letzten Jahr gab es kaum einen Fall, der zu mir durchgedrungen ist, der ohne ein Nacktfoto war", berichtete Buchegger, Expertin bei der Präventionsinitiative saferinternet.at. Was sich in den vergangenen Jahren verändert habe, sei die mediale Aufmerksamkeit für diese Themen und der Umgang in Schulen damit. "Allen ist bewusst, dass es Cybermobbing gibt und dass man kompetent und rasch reagieren muss. In letzter Zeit hat sich sogar herumgesprochen an den Schulen, dass man auch die Täter und nicht nur die Opfer unterstützen muss" - Es kommt zudem vor, dass Opfer und Täter auch eine Person sind.

Entkriminalisierung

Das Sexting, also das Verbreiten dieser Fotos, gehöre aber zur jugendlichen Lebenswelt und wird ansonsten selten zum Problem - aber dann ein immenses. Bisher hätten sich Jugendliche damit strafbar gemacht, das werde sich aber vermutlich mit dem 1. Jänner 2016 ändern, wenn die Strafgesetzbuch-Reform in Kraft tritt. "Welche Auswirkungen das haben wird, werden wir sehen, dass man aber nicht mehr eine ganze Generation für ihr Verhalten kriminalisiert, ist hilfreich", sagte die Expertin. Hingegen wird dann Cybermobbing zu einem Straftatbestand, was das Bewusstsein bei Jugendlichen erhöhen werde. Derzeit sei die rechtliche Handhabe gering.

Was Kinder und Jugendliche am meisten verstört ist genau das Cybermobbing, auch "Bullying" genannt, erläuterte Social-Media-Experte Philip Sinner. Die Zahlen des Forschungsnetzwerkes "EU Kids online" würden insgesamt zeigen, dass das Problembewusstsein von Kindern in eine ganz andere Richtung geht, als medial dargestellt.

Die Lebenswelt der jungen Generation liegt jedenfalls längst im Internet. "Kein Jugendlicher kann mit der Frage, wie lange er online ist, etwas anfangen, denn sie sind immer online", sagte Buchegger. Die beliebtesten Anwendungen ändern sich dabei ständig. "Die Fotoanwendungen Instagram und Snapchat sind derzeit die wichtigsten Apps", berichtete die Expertin. Der Instagram-Einstieg erfolgt dabei bereits mit acht bis neun Jahren - am besten können die Zwölf- bis 14-Jährigen diese Anwendungen ausführen. Snapchat, wo die Bilder wieder "verschwinden", steigt in der Beliebtheit, auch weil Speicherplatz bei den jugendlichen Usern rar ist: "Snapchat ist direkt und jetzt".

Hohe Kompetenz bei jungen Usern

Bei den Sozialen Netzwerken sei die Lage in Österreich so, dass Facebook ist für Sechs- bis Zehnjährige und dann wieder für die +17-Generation interessant sei. "Die erste Gruppe spielt auf Facebook. KIK ist ebenfalls im Kommen, eine Art WhatsApp, ohne, dass eine SIM-Karte notwendig ist", erläuterte Buchegger.

Die Expertin ist jedenfalls zuversichtlich, was die Kompetenz der jungen User betrifft. "Meine Erfahrung ist, dass die meisten Kinder gut entscheiden können, wem sie vertrauen." Dies hänge aber vom Selbstbewusstsein und der Kompetenz ab. Beim Cyber-Grooming - im Gesetz "Anbahnung von Sexualkontakten zu Minderjährigen" genannt - seien die unteren sozialen Schichten gefährdeter: "Ich bin mir aus meiner Erfahrung sicher, dass vor allem Kinder aus prekären Verhältnissen Erfahrung damit haben" - in jeder Klasse mit Zehn- bis Zwölfjährigen hätten zwei bis drei Kinder diese gemacht.