Wien. Medienkompetenz schön und gut, aber: Wer macht unsere Kinder und Jugendlichen wirklich fit für die digitale Welt von morgen? Können das Eltern und/oder Schule leisten? Und wer lehrt die Lehrer? Zwei Fachleute plädieren für eine systematische digitale Bildung, eine wissenschaftliche Reflexion der Onlinenutzung, die sich auf Inhalte konzentriert, und kritisieren mangelnden Weitblick in der Lehrerausbildung.

Die Kommunikationsforscherin Petra Herczeg, stellvertretende Studienprogrammleiterin am Institut für Publizistik an der Universität Wien, setzt sich in ihrer Arbeit unter anderem mit dem "Kindsein in der Kommunikationsgesellschaft" auseinander. "Wir wachsen im digitalen Laufstall auf - und es geht von klein an um Kontrolle und Selbstkontrolle", erklärt sie.

Aktivitäten verändern sich durch Smartphone

Medienpädagogen bezeichnen das Handy als die "Schaltzentrale des sozialen Netzwerks": Kontakt kann unheimlich schnell aufgenommen, aber ebenso schnell wieder beendet werden. "Das soziale Netzwerk ist immer dabei, durch das Smartphone hat man seine Freunde jederzeit mit, man ist nie allein", erklärt Herczeg. Das führe dazu, dass man sich theoretisch permanent mit anderen beschäftigen könne und so nie gezwungen sei, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Der aktuellen JIM-Studie zufolge, einer Basisuntersuchung zum Medienumgang 12- bis 19-Jähriger, sind Jugendliche im Schnitt drei Stunden täglich online, davon großteils auf Youtube. Während Facebook mittlerweile überwiegend von Oldies - der Elterngeneration aufwärts - genutzt wird, sind junge Menschen auf der Suche nach Nischen oder Plattformen, wo sie nicht unter Beobachtung stehen.

"Die Fülle an neuen Kommunikationstechnologien wirkt sich auf das Sozialverhalten aus", meint sie. So könne man etwa beobachten, dass der Umgang mit neuen Medien einerseits eine Frage der Sozialisation sei. "Eltern werden stark imitiert. Wie sie Medien nutzen, prägt ihre Kinder." Andererseits sei erwiesen, dass sich Aktivitäten von Kindern und Jugendlichen durch die Nutzung von Smartphones verändern. So würden etwa Verabredungen anders organisiert, kurzfristiger und unverbindlicher.

Durchaus zwiespältig sei die Medienkompetenz der "Digital Natives" zu bewerten, meint Herczeg, die trotz aller Aufklärung eine gewisse Leichtgläubigkeit dem Internet gegenüber ortet. "Einerseits wissen die Kinder und Jugendlichen vom Kopf her über die Gefahren, sensible Daten usw. Bescheid. Andererseits sickert dieses Wissen nicht in ihr Bewusstsein und wird im Umgang mit den Medien oft nicht umgesetzt. Durch ihr technologisches Know-how, das ja meist höher ist als jenes der Eltern, geben sie sich der Illusion hin, das Medium zu durchschauen - was definitiv nicht der Fall ist", meint sie. Auch die Suchtgefahr sei groß, gibt sie zu bedenken - "darauf bezogen, dass man sein Verhalten eben nicht mehr kontrollieren kann."