Oslo. Der kongolesische Arzt Denis Mukwege und die irakische Jesidin Nadia Murad sind für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt an Frauen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Beide hätten dazu beigetragen, die Aufmerksamkeit der Welt auf sexuelle Gewalt als Kriegswaffe zu lenken, begründete das norwegische Nobelkomitee seine Entscheidung. Der Gynäkologe Mukwege leitet in seiner Heimat, der Demokratischen Republik Kongo, ein Krankenhaus, in dem er Opfer solcher Gewalt behandelt. Murad setzt sich für Rechte von Frauen und Flüchtlingen ein. Sie war von der Extremisten-Miliz Islamischer Staat (IS) in ihrer Heimat Irak entführt und als Sexsklavin gefoltert worden.

Mukwege habe sein Leben den Opfern solcher Gewalt gewidmet, erklärte das Nobelkomitee. In seinem Krankenhaus in der ostkongolesischen Stadt Bukavu werden jedes Jahr Tausende Frauen behandelt, von denen viele als Opfer sexueller Gewalt operiert werden müssen. Auch nach Ende des Kriegs 2003 kommt es in dem afrikanischen Land weiterhin zu Gewalttaten gegen Zivilisten, insbesondere von Milizen. Der Preisträger habe sich immer wieder gegen die Straffreiheit bei Massenvergewaltigungen eingesetzt und sowohl die eigene als auch andere Regierungen kritisiert, nicht genug gegen Gewalt gegen Frauen im Krieg zu unternehmen, erklärte das Nobelkomitee. "Er hat sein Leben riskiert, um Frauen dabei zu helfen, Gräueltaten zu überleben", sagte der Direktor des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri, Dan Smith, der Nachrichtenagentur Reuters.

Murad und Mukwege sind bereits mehrfach für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Sacharow-Preis des Europäischen Parlaments.

Schweigen über sexuelle Gewalt beenden

Murad habe sich dem Sozialkodex widersetzt, demzufolge Frauen aus Scham über den von ihnen erlittenen Missbrauch zu schweigen hätten, heißt es in der Begründung des Komitees weiter. Sie habe ungewöhnlichen Mut bewiesen über ihr Leiden zu berichten und anderen Opfern eine Stimme zu geben. Murat war 21 Jahre alt, als IS-Extremisten ihr Dorf im Nordirak überfielen. Sie töteten alle, die nicht zum Islam konvertieren wollten, darunter auch sechs ihrer Brüder und ihre Mutter. Mit vielen anderen jungen Frauen wurde sie von IS-Kämpfern als Sexsklavin verkauft. Mit Hilfe einer sunnitischen Familie entkam sie ihren Peinigern und setzt sich seither für die Rechte ihrer Bevölkerungsgruppe ein. In einem Buch berichtete sie 2017 über ihr Martyrium. "Sie weint gerade, sie kann nicht sprechen", sagte Murads Bruder dem norwegischen Sender NRK nach Bekanntgabe der Preisträger.

In diesem Jahr ist die sexuelle Gewalt an Frauen wiederholt in den Fokus der Weltöffentlichkeit geraten. Auf die Frage, ob die #metoo-Bewegung gegen eine Rolle bei der Preisentscheidung gespielt habe, sagte die Vorsitzende des Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen: "Metoo und Kriegsverbrechen sind nicht ganz dasselbe. Aber ihnen ist gemeinsam, dass es um das Leiden von Frauen geht, den Missbrauch von Frauen und dass es wichtig ist, dass Frauen das Konzept der Scham hinter sich lassen und den Mund aufmachen."

Die Bundesregierung würdigte die Entscheidung. "Es sind zwei großartige Preisträger, die beide für den Schrei nach Menschlichkeit stehen inmitten unvorstellbarer Grausamkeiten die Menschen anderen Menschen antun", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Die Gesellschaft für bedrohte Völker sprach von einem "mutigen Zeichen gegen die Gleichgültigkeit, mit der viele Regierungen auf Vergewaltigungen als Kriegswaffe reagieren".

Der Preis wird am 10. Dezember in Oslo übergeben, am Jahrestag des Todes von Preisgründer Alfred Nobel.

Aufmerksamkeit für derartige Kriegsverbrechen

Mit ihrer Entscheidung ehrt das Komitee die Arbeit des Gynäkologen Mukweges, der in seiner Heimat vergewaltigte Frauen behandelt. Die Yezidin Murad setzt sich ebenfalls gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen ein. Die heute 25-Jährige überlebte eine dreimonatige IS-Gefangenschaft und war danach, auf Initiative des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, nach Deutschland gekommen. Sie lebt in Baden-Württemberg und ist seit September 2016 "Goodwill Ambassador" des in Wien ansässigen UNO-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC). Beide Preisträger hätten wesentliche Beiträge dazu geleistet, die Aufmerksamkeit der Welt auf derartige Kriegsverbrechen zu lenken, begründete das Nobelkomitee seine Entscheidung.

Der mit umgerechnet etwa 860.000 Euro (neun Millionen schwedischen Kronen) dotierte Friedensnobelpreis wird am 10. Dezember, dem Todestag des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel, on Oslo verliehen.