Im Mai des Vorjahres platzte dann die Bombe - man sagte die Vergabe ab. Das hatte es erst siebenmal gegeben. Grund waren 1914, 1918, 1935, 1940, 1941, 1942 und 1943 allerdings durchwegs Kriegsereignisse und nicht Streitereien in einem Gremium.

Wenig Bekanntes?

2018 entschied man sich auch, die Statuten zu ändern. Der König selbst führte unter anderem ein Rücktrittsrecht ein. Nur so konnte ein Neubeginn mit der Nachbesetzung der vakant gewordenen Posten begonnen werden. Erst seit Mai 2019 ist die Jury nun wieder handlungsfähig und kann die Vergabe der Preise vornehmen. Da die neuen Mitglieder erst im Dezember angelobt werden, entscheidet heuer ein eigens gebildetes zehnköpfiges Gremium über die Vorauswahl der Nobelpreis-Anwärter, aus der die Akademie schließlich eine Shortlist wählt. Es besteht aus den fünf Akademie-Mitgliedern Per Wästberg, Horace Engdahl, Kristina Lugn, Anders Olsson und Jesper Svenbro sowie fünf externen Experten.

Aber wer sind nun die Anwärter auf die zwei höchst prestigeträchtigen Preise, die es zu vergeben gilt? Beim gemeinhin gut informierten britischen Wettanbieter Nicerodds liegen derzeit zwei Frauen an der Spitze: die kanadische Dichterin Anne Carson und ihre aus Guadeloupe stammende Kollegin Maryse Condé. Knapp dahinter liegen ex aequo die Chinesin Can Xue (Pseudonym), die Russin Ljudmila Ulizkaja, der Japaner Haruki Murakami sowie der Kenianer Ngugi Wa Thiong’o. Gute Chancen werden auch der Australierin Margaret Atwood, der Amerikanerin Marilynne Robinson, der Polin Olga Tokarczuk und dem Ungarn Péter Nádas eingeräumt.

Auf den weiteren Plätzen finden sich andere große Namen wie Adonis, Mircea Cartarescu oder Ismail Kadaré. Für den in den vergangenen Jahren immer wieder gelisteten Österreicher Peter Handke gilt bei Nicerodds derzeit - ebenso wie für Jon Fosse, Javier Marias oder Milan Kundera - eine Wettquote von 21 zu eins.

Eine Doppelvergabe an zwei Frauen scheint Beobachtern als Reaktion auf den MeToo-Skandal durchaus plausibel. Dauer-Favorit Haruki Murakami, der mit Romanen wie "Kafka am Strand" oder "Naokos Lächeln" dem westlichen wie östlichen Publikum eine beliebte Mischung aus surrealem Fernost, Popkultur und westlichen Erzähltechniken liefert, könnte demnach leer ausgehen. Möglicherweise könnte auch einer der zwei Preise an einen bekannten Schriftsteller gehen und einer an einen eher unbekannten Literaten.

Eventuell schlägt aber auch die Stunde des 81-jährigen Ngugi wa Thiong’o, immerhin einer der bekanntesten Autoren Afrikas. Geboren in Zentralkenia - in einer von Stammestraditionen geprägten Gesellschaft, in der selbst einfachste Bildung kein selbstverständliches Gut war -, liest sich die Lebensgeschichte des heute in den USA lebenden Dichters als eine fast unglaubliche Emanzipations- und Aufstiegsstory. Schon 2010 war er Topfavorit für den Preis, damals machte aber der Peruaner Mario Vargas Llosa das Rennen.